Ich sitze im Auto, auf dem Weg zu meinem Seminar an der Hochschule für Musik und Tanz. Mein Mann hat, wie so oft, selbst einen Termin, deshalb habe ich meine zwei Monate alte Tochter und mein Tragetuch dabei. Das hatte ich schon öfter so gemacht. Es funktionierte – aber es war jedes Mal ein Balanceakt. Meine Aufmerksamkeit galt nie nur den Studierenden, sondern immer auch meinem Baby, und ich hoffte jedes Mal, nicht stillen zu müssen, während ich unterrichtete.
Meine Tochter schreit. Ich höre es – und dann höre ich es nur noch dumpf, als hätte sich zwischen mich und die Welt plötzlich Watte geschoben. Kein Schmerz, keine Vorwarnung. Nur dieses Dumpfe, wo eben noch klarer Klang war.
Es ist nicht das letzte Mal. Der zweite Hörsturz kommt wenige Monate später, nach einem Prüfungstag, der sich immer weiter verzögert, während ich innerlich auf heißen Kohlen sitze, weil ich mein Kind von der Kita abholen muss. Jetzt sitze ich zum zweiten Mal in einer HNO-Praxis. Eine eindeutige Ursache findet die Ärztin nicht – das ist bei einem Hörsturz oft so.
Dass beide Hörstürze etwas mit meinem Leben zu tun hatten, war mir damals längst klar. Ich wusste, dass mein Körper mir etwas zeigte, das ich nicht länger überhören konnte. Ich begann, manches zu verändern. Aber die tiefgreifenden Entscheidungen brauchten Zeit. Manche kündigten sich lange an, bevor ich bereit war, sie wirklich zu treffen.
Rückblickend würde ich sagen: Mein Körper musste immer deutlicher werden, weil ich zwar hinhörte, aber noch nicht bereit war, mein Leben wirklich danach auszurichten. Dabei hätte ich es eigentlich besser wissen müssen.
Von Haus aus bin ich Hörgeschädigtenpädagogin. Ausgebildet, genau hinzuhören, wenn andere Menschen nicht mehr gut hören. Bei mir selbst hörte ich nicht hin.
Damals war ich überzeugt, dass mir vor allem Zeit fehlte. Ich sehnte mich nach mehr Luft im Kalender und weniger Verpflichtungen. Heute weiß ich: Selbst wenn ich damals einen freien Nachmittag geschenkt bekommen hätte, hätte er mein eigentliches Problem nicht gelöst.
Was mir fehlte, war innerer Raum.
Bevor ich erkläre, was ich mit innerem Raum meine, will ich deshalb erzählen, wie eng es bei mir werden musste, damit ich überhaupt anfing, danach zu suchen. Es begann Jahre vorher und nicht mit Erschöpfung. Mit dem Gegenteil.
Auf einen Blick: Innerer Raum beschreibt die psychische Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Erfahrungen wahrzunehmen, ohne vollständig von ihnen bestimmt zu werden. Er entsteht nicht dadurch, dass das Leben einfacher wird, sondern dadurch, dass wir ihm mit mehr innerer Weite begegnen können.
In diesem Artikel verbinde ich persönliche Erfahrungen mit Kontemplativer Psychologie, Biografiearbeit, Embodiment und Forschung zum Nervensystem: Innerer Raum ist keine Luxusressource, sondern eine Voraussetzung für ein erfülltes Leben.
Die Inhalte dieses Blogartikels:
ToggleRandvoll und trotzdem frei
Es gab eine Zeit, in der ich es großartig fand, sehr viel zu arbeiten. Ich hatte eine halbe Stelle an der Universität, dazu zwei Tage die Woche in einer Frühförderpraxis, dazu sechs Lehraufträge für Psychologie an der Hochschule für Musik und Tanz. Morgens war ich in der Schule, abends gab ich ein Seminar, dazwischen radelte ich meist gut gelaunt von einem Job zum nächsten. Ich lebte in einer WG, führte eine Fernbeziehung, hatte Zeit für Sport, Sauna und Treffen mit Freundinnen. Objektiv war mein Leben randvoll. Ich habe diese Zeit trotzdem als eine der freiesten meines Lebens erlebt.
Die Zahl meiner Arbeitsstunden war damals gar nicht das Entscheidende. Ich konnte in jeder einzelnen selbst entscheiden, wie ich sie füllte. Ich entwickelte Seminare, probierte neue Ideen aus und hatte das Gefühl, mein Arbeitsleben mitzugestalten. Rückblickend glaube ich: Nicht die Zeit gab mir dieses Gefühl von Freiheit, sondern der Gestaltungsspielraum.
Mit der Geburt meiner Kinder veränderte sich mein Leben grundlegend. Ich übernahm neue Verantwortung und gleichzeitig wuchsen meine Ansprüche an mich selbst. Ich wollte eine liebevolle Mutter sein, weiterhin wissenschaftlich auf hohem Niveau arbeiten, eine gute Partnerschaft führen, Freundschaften pflegen, den Haushalt im Griff haben – und all das möglichst gut.
Zwar hatte ich meinen Gestaltungsspielraum nicht verloren. Aber ich konnte ihn immer weniger wahrnehmen. Meine Ansprüche waren so groß geworden, dass sie meinen Blick auf die Möglichkeiten verstellten. Der Gestaltungsspielraum war noch da, doch innerlich hatte ich immer weniger Zugang zu ihm.
Wenn der eigene Anspruch den Raum nimmt
Nicht meine Kinder machten mein Leben enger. Es waren meine eigenen Ansprüche. Ich wollte gleichzeitig die perfekte Mutter, die perfekte Wissenschaftlerin und die perfekte Mitarbeiterin sein.
Als Mutter wollte ich alles richtig machen, was ich über Bindung wusste und auf keinen Fall versagen. Als Wissenschaftlerin wollte ich Texte schreiben, an denen niemand etwas auszusetzen hatte – so unangreifbar, dass ich an Texten mitarbeitete, die nicht unter meinem eigenen Namen erschienen, und das damals als selbstverständlichen Teil des Wissenschaftsbetriebs hinnahm. Und als Frühförderin wollte ich verlässlich sein für die Familien, die ich betreute und meine Therapiekinder bestmöglich fördern.
Nach und nach gab ich Tätigkeiten auf. Mit dem zweiten Kind ließen sich die Lehraufträge zeitlich nicht mehr halten, später hörte ich auch auf, in der Praxis zu arbeiten. Von außen betrachtet wurde mein Leben also kleiner. Von außen wurde mein Leben kleiner. Innerlich wurde der Raum trotzdem enger. Genau darin liegt die Frage, die mich Jahre später zu diesem Text geführt hat. Wenn Zeitmangel wirklich das Problem gewesen wäre, hätte weniger Arbeit mehr Weite bringen müssen. Das ist nicht passiert.
Ich hatte längst erkannt, dass ich auf einen Burnout zusteuerte. Und ich machte trotzdem weiter. Nicht aus Verdrängung allein – ich liebte meine Arbeit, und ich hatte Angst, nie wieder etwas so Gutes zu finden. Beides, die Liebe zur Arbeit und die Angst vor dem Verlust, waren echt.
Gestoppt hat mich am Ende nicht ich selbst. Es war meine zweite Tochter, ein zartes Kind von Anfang an, die nach einer Infektion tagelang kaum aß und dadurch immer weiter abnahm. Nichts Schlimmes, sagte die Ärztin, aber sie riet zu einer Mutter-Kind-Kur, damit die Seeluft den Appetit zurückbringt. Ich fuhr sofort. Für meine Tochter war diese Entscheidung nicht einmal eine Frage. Für mich selbst hätte ich sie nie getroffen, denn ich habe geglaubt, nicht belastet genug zu sein, um mir eine solche Auszeit zu erlauben. Ich war es. Ich konnte es mir nur noch nicht eingestehen..
In der Kur sah sich eine Psychologin meine Tagesstruktur an. Sie spiegelte mir, dass meine Woche bis ins Letzte optimiert war und kaum noch einen ungenutzten Zwischenraum enthielt – als würde ich sämtliche Zeitmanagementstrategien kennen, die es gibt. Ich nickte.
Ein fremder Mensch sprach aus, was ich mir selbst nicht hatte eingestehen wollen.
Wovor ich eigentlich Angst hatte
Wenn ich mich frage, wovor ich in dieser Zeit eigentlich Angst hatte, komme ich immer wieder auf dasselbe Wort: Zugehörigkeit. Ich hatte Angst, nicht zur wissenschaftlichen Community zu gehören, dort nicht ernst genommen zu werden. Und ich hatte Angst, als Mutter zu versagen – nicht nur eine schlechte Bindung aufzubauen, sondern meine Kinder in einem tieferen Sinn zu verlieren.
Diese Angst hat eine Geschichte, die älter ist als meine eigenen Kinder. Ich habe als Kind Verlusterfahrungen gemacht, Bindungen, die abgebrochen sind, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Zugehörigkeit war für mich nie etwas, das sich von selbst versteht. Ich vermute, dass mein Perfektionismus deshalb nie nur Ehrgeiz war. Er war immer auch der Versuch, mir Zugehörigkeit zu verdienen – nicht angreifbar zu sein, meinen Platz nicht zu verlieren, nie wieder die Erfahrung zu machen, dass Bindung einfach abbricht.
Genau das macht einen Geist eng. Wer ständig versucht, keine Fehler zu machen, hat kaum noch Raum für Neugier, für Spiel, für eigene, unfertige Gedanken.
Dasselbe Muster zeigte sich auch beim Schreiben. Ich wollte fachlich fundiert schreiben, präzise, ohne jede Angriffsfläche – ein Anspruch, der mich lange gehemmt hat. Heute schreibe ich immer noch fachlich fundiert. Aber ich schreibe freier. Ich erlaube mir, Haltung zu zeigen, persönliche Erfahrungen einzubringen und Gedanken auszusprechen, die nicht bis ins Letzte abgesichert sind, die ich aber nach bestem Wissen und Gewissen heute für richtig halte.
Ich gebe mir den Raum, etwas zu veröffentlichen, das ich in zwei Jahren vielleicht ergänzen, vertiefen oder sogar korrigieren werde. Früher hätte ich darin einen Mangel gesehen. Heute empfinde ich es als Ausdruck von Lebendigkeit. Auch dieser Text wird vermutlich nicht der letzte Stand meines Denkens sein.
Der Raum, den ich mir nahm
Der eigentliche Wendepunkt begann mit einer Entscheidung, die sich damals riskant anfühlte: der Weiterbildung in Kontemplativer Psychologie. Mein jüngstes Kind war gerade drei Jahre alt. Bis dahin war ich noch nie länger als einen Tag von meinen Kindern getrennt gewesen. In den folgenden drei Jahren war ich immer wieder eine ganze Woche weg, dazu mehrere Wochenenden.
Dabei wusste ich kognitiv natürlich längst, dass Mütter einen eigenen Entwicklungsraum brauchen. Genau das war immer wieder ein großes Thema in meiner Arbeit mit den Familien, die ich in der Frühförderung begleitete. Und trotzdem hatte ich Angst. Nicht davor, dass mein Mann das nicht mittragen würde – er bestärkte mich von Anfang an. Ich hatte Angst, meinen Kindern zu schaden. Dass sie unter meiner Abwesenheit leiden könnten. Dass die längeren Betreuungstage ihrer Bindung zu mir schaden würden.
Heute weiß ich: Überzeugungen und Gefühle folgen nicht immer derselben Logik.
Ich ging trotzdem. Nicht, weil die Angst verschwunden wäre. Ich ging mit der Angst. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Jahre: Innerer Raum entsteht nicht immer, bevor wir handeln. Manchmal müssen wir einen äußeren Raum zunächst einnehmen. Die Erfahrung von Weite und Gestaltungskraft folgt erst später.
Bevor ich fuhr, kochte ich vor, schrieb Pläne, organisierte, wer welches Kind wann abholte, hatte alles gewaschen und Spielverabredungen getroffen. Ich wollte meinen Raum nicht auf Kosten meiner Familie nehmen. Das fühlt sich für mich bis heute richtig an.
Und doch sehe ich heute auch die andere Seite. Ich nahm mir Raum und arbeitete im selben Atemzug daran, dass ihn niemand spüren sollte. Als dürfte meine Entscheidung für mich selbst für niemanden mit Mehraufwand verbunden sein. Ich glaube heute, dass beides zusammengehört: Verantwortung für die Menschen, die ich liebe und Verantwortung für meinen eigenen Entwicklungsraum. Damals konnte ich mir das noch nicht in derselben Selbstverständlichkeit zugestehen.
Diese Ausbildung war mehr als eine Weiterbildung. Sie war selbst ein Raum – der erste seit Jahren, in dem ich nicht eine Rolle ausfüllte, sondern wieder als ganzer Mensch mit eigener Sehnsucht, eigener Neugier und eigener Entwicklung auftauchen durfte.
Die weiße Wand
In dieser Ausbildung begegnete mir eine Praxis, mit der ich zunächst nichts anfangen konnte: Maitri Space Awareness, eine Übung aus der Kontemplativen Psychologie. Sie dient dazu, die eigenen emotionalen und kognitiven Reaktionsmuster besser kennenzulernen – also die wiederkehrenden Arten, wie wir wahrnehmen, fühlen, denken, unseren Körper organisieren und anderen Menschen begegnen.
Die Praxis arbeitet mit den fünf Elementen Raum, Feuer, Wasser, Erde und Luft. Bestimmte Körperhaltungen und farbige Brillen helfen dabei, diese oft unbewussten Muster nicht nur zu verstehen, sondern unmittelbar zu erleben.
Als es um das Element Raum ging, verstand ich zunächst überhaupt nicht, worum es ging. Ich hörte die Erklärungen meiner Mentorin, verstand jedes einzelne Wort – und begriff trotzdem nichts. Später wurde mir klar: Mir fehlte keine bessere Beschreibung. Ich brauchte die Erfahrung.
Also setzte ich an diesem Morgen eine weiße Brille auf, nahm die gezeigte Körperhaltung ein und richtete meinen Blick auf die weiße Wand vor mir. Ich erinnere mich noch genau, wie ich dort während der folgenden Stunde kauerte und dachte: Was soll das? Warum passiert nichts? Bei allen anderen passiert bestimmt etwas, nur bei mir taucht nichts auf. Bestimmt mache ich etwas falsch.
Statt Weite erlebte ich Enge. Statt Offenheit Beklemmung.
Heute verstehe ich diese Erfahrung anders. Es passierte sehr viel, nur nicht das, was ich erwartet hatte. Vor der weißen Wand zeigte sich mein eigenes Muster: Rückzug, Vergleich und das Gefühl, nicht zu genügen. Die Wand war leer. Mein Geist war es nicht.
Erst später verstand ich, dass genau darin die Erfahrung lag. Innerer Raum entsteht nicht automatisch dadurch, dass es im Außen still oder leer wird. Angst, Selbstkritik und Vergleich reisen mit. Sie füllen selbst den leersten Raum. Die weiße Wand zeigte mir nicht die Weite. Sie zeigte mir, was zwischen mir und ihr stand.
Der Wald
Der zweite Teil der Praxis bestand aus dem sogenannten ziellosen Wandern. Schweigend verließen wir den Seminarraum. Jeder ging für sich allein für eine halbe Stunde in den Wald – ohne festes Ziel, aufmerksam für das, was in uns von Moment zu Moment auftauchen würde.
Es war ein schöner Herbsttag. Der Morgen hatte neblig begonnen, doch inzwischen war die Sonne durchgebrochen. Das Seminarhaus lag direkt am Waldrand. Eben noch saßen wir in einem sonnendurchfluteten Raum, einige Augenblicke später standen wir zwischen hohen Bäumen.
Zu meiner eigenen Überraschung war ich plötzlich voller Energie. Ich begann zu laufen, dann zu rennen – dieselbe Frau, die in der Stunde zuvor immer wieder überlegt hatte, die Übung abzubrechen.
Ich ging einfach los. Erst als der Weg unvermittelt an einer steilen Geländekante endete, blieb ich stehen und sah mich um. Niemand war mehr zu sehen. Erst in diesem Moment wurde mir klar, wie weit ich gegangen war. Nicht, weil ich bewusst immer weiter gewollt hätte. Ich war einfach meinen Impulsen gefolgt
In diesem Innehalten hob ich den Blick. Plötzlich nahm ich alles mit einer ungewohnten Klarheit wahr. Die hohen Bäume, dicht bewachsen, manche schief gewachsen und doch stark genug, Wind und Wetter zu trotzen. Zu meinen Füßen filigranes Sternmoos, dazwischen hellgrüner Farn, der selbst dort wuchs, wo der Boden unwirtlich schien.
Und dann der Gedanke, der bis heute nachwirkt: Wie stark muss die Erde sein, dass sie so viele so große Bäume an einer einzigen Stelle trägt. Sie muss sich nicht entscheiden, welchen Baum sie hält. Sie hält alle zugleich, ohne dass der eine dem anderen etwas wegnimmt. Zum ersten Mal fragte ich mich, ob ich Zugehörigkeit mein Leben lang wie eine knappe Ressource verstanden hatte. Als müsste immer jemand zu kurz kommen. Wenn andere Raum bekamen, blieb vielleicht weniger für mich.
Die Bäume erzählten an diesem Morgen etwas anderes. Keiner von ihnen schien sich für seine Größe zu entschuldigen oder um Erlaubnis zu bitten. Sie waren einfach da, getragen von derselben Erde, die auch mich trug. Und in mir tauchte die Frage auf, die ich, glaube ich, einen großen Teil meines Lebens mit mir herumgetragen habe, ohne sie so klar zu benennen: Warum glaube ich so oft, zu viel zu sein? Zu laut, zu intensiv, zu anspruchsvoll, zu viel Raum einzunehmen. Wenn die Erde all das tragen kann, ohne zu wählen – warum sollte sie dann ausgerechnet bei mir an eine Grenze kommen?
Die Erkenntnis erreichte zuerst meinen Körper. Es war eine körperliche Erfahrung von Getragensein, unabhängig davon, was ich geleistet oder wie richtig ich alles gemacht hatte. Ich war einfach da, und das genügte. Heute denke ich manchmal, dass es kein Zufall war, ausgerechnet an diesem Tag so weit zu gehen, bis niemand sonst mehr zu sehen war. Damals erschien es mir wie eine Nebensächlichkeit. Heute wirkt es auf mich wie ein Bild für meinen eigenen Weg.

Was danach geschah
Die Energie, die mich im Wald plötzlich hatte rennen lassen, verschwand nicht wieder. Sie begleitete mich den ganzen Tag. Am liebsten wäre ich sofort nach Hause gefahren, um unser Wohnzimmer zu streichen.
Bis heute muss ich über diesen Impuls schmunzeln. Er klingt beinahe banal und erzählt doch etwas Wichtiges. Innerer Raum machte mich nicht weltabgewandt. Er machte mich lebendig. Er weckte die Lust, zu gestalten.
Was innerer Raum eigentlich ist
Wenn ich seither versuche zu erklären, was ich mit innerem Raum meine, komme ich immer wieder auf denselben Kern: Innerer Raum ist die psychische und geistige Kapazität, Gedanken, Gefühle und Impulse wahrzunehmen, ohne vollständig mit ihnen zu verschmelzen oder von ihnen beherrscht zu werden. Subjektiv erlebe ich diese Kapazität meist als Weite – als einen Geist, in dem Gedanken, Gefühle, Ängste und Selbstkritik zwar auftauchen, aber nicht das Ganze sind. Gedanken sind Inhalte des Geistes. Sie sind nicht der Geist selbst.
Mit einem „leeren Geist“ meine ich hier nicht die buddhistische Vorstellung von Leerheit, sondern die alltagssprachliche Vorstellung, Meditation müsse alle Gedanken beseitigen. Der Moment am Abgrund, in dem sich meine Wahrnehmung wie durch ein Prisma schärfte, war für mich diese Weite ganz konkret – lange bevor ich überhaupt ein Wort dafür hatte.
Auch das Muster, das mir an der weißen Wand begegnete, verstehe ich heute anders als damals. In meiner Ausbildung lernte ich später, solche Erfahrungen nicht vorschnell in gut und schlecht einzuteilen: Was sich an der weißen Wand als Schwere und Rückzug zeigte, offenbarte im Wald dieselbe Energie als Bewegung, Wachheit und Gestaltungslust. Das genaue Erkennen eines Musters kann einen inneren Raum öffnen, weil ich dann nicht mehr vollständig mit diesem Muster identifiziert bin.
Innerer Raum zeigt sich auch daran, dass nicht ein einzelnes Gefühl den gesamten Horizont besetzt. Angst darf da sein. Freude darf da sein. Trauer, Mitgefühl, auch Wut – dazu habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben. Freude fühlt sich für mich an wie ein Gefühl, das sich ausbreiten will, das aufrichtet, das Möglichkeiten öffnet. Angst dagegen verengt häufig unsere Aufmerksamkeit auf mögliche Gefahr – eine Reaktion, die in bedrohlichen Situationen sinnvoll sein kann. Beide dürfen in einem weiten Geist gleichzeitig Platz haben.
Aus diesem Raum heraus entsteht, was ich Gestaltungskraft nenne – und die ist etwas anderes als Kontrolle. Kontrolle will bestimmen, was da sein darf. Sie versucht, Unsicherheit auszuschließen. Innerer Raum stärkt Gestaltungskraft, weil wir Unsicherheit wahrnehmen können, ohne vollständig von ihr gelähmt zu werden – auch wenn Gestaltungskraft daneben natürlich auch von Ressourcen, Wissen, Handlungsspielraum und Beziehungen abhängt.
„Aber ich habe wirklich keine Zeit“
An dieser Stelle höre ich oft einen Einwand, und ich nehme ihn ernst: Schön und gut, aber ich habe wirklich keine Zeit. Kein freies Zeitfenster im Kalender, wenn die Schicht um sechs beginnt, wenn ein Kind versorgt werden muss, wenn drei Menschen von der nächsten Stunde abhängen.
Die Psychologen Sendhil Mullainathan und Eldar Shafir zeigen in ihrer Forschung zur Knappheit: Mangel – an Geld ebenso wie an Zeit – bindet gedankliche Bandbreite und verengt die Aufmerksamkeit. Wer im Mangel lebt, dessen Gehirn ist so sehr mit dem unmittelbaren Bewältigen des Alltags beschäftigt, dass ein erheblicher Teil der kognitiven Kapazität gebunden wird – in Studien vergleichbar mit einem Leistungsabfall von bis zu 13 IQ-Punkten. Der Tunnelblick, der daraus entsteht, erschwert es, Möglichkeiten und Zukunft überhaupt noch in den Blick zu nehmen. Innerer Raum ersetzt also keine veränderten Verhältnisse. Er ist nicht die freundlichere Ausrede dafür, dass sich nichts ändern muss.
Ich weiß sowohl aus eigener Erfahrung als auch aus meiner täglichen Arbeit, dass Einsicht und innere Weite nicht einfach verfügbar sind, sobald wir ihre Bedeutung verstanden haben. Manchmal sind äußere Entlastung, Unterstützung und klare Grenzen zuerst notwendig.
Und doch habe ich aus all dem etwas gelernt: Raum ist nicht das, was übrig bleibt, wenn genug Zeit da ist. Manchmal beginnt er erst in dem Moment, in dem wir uns erlauben, ihn einzunehmen.
Warum uns im Alltag so wenig Raum bleibt
Unser Alltag ist oft so sehr auf Funktionieren und Erledigen ausgerichtet, dass wir solche Räume kaum noch kennen. Wir wechseln von Aufgabe zu Aufgabe, von Rolle zu Rolle – häufig, ohne bewusst wahrzunehmen, wie eng es innerlich dabei geworden ist.
Rollen sind dabei nicht das Problem. Sie geben Orientierung und machen Zusammenleben überhaupt erst möglich. Belastend wird es, wenn ich nicht mehr sagen kann: Ich bin Mutter – sondern innerlich nur noch erlebe: Ich darf nichts anderes sein als eine gute Mutter.
Genau das war, rückblickend, mein eigenes Muster: nicht die Rolle selbst, sondern der Anspruch, sie ohne Lücke perfekt auszufüllen. Eng wird es dort, wo kein Spalt mehr bleibt zwischen mir und der Rolle, die ich gerade ausfülle. Denn wenn kein Abstand mehr zwischen mir und meiner Rolle besteht, fühlt sich jedes Scheitern so an, als würde nicht nur mein Verhalten, sondern ich selbst infrage stehen.
Räume schaffen
Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass sich dieses Motiv durch meine ganze Arbeit zieht. Ich schreibe, weil Schreiben für mich ein Denkraum ist. Viele meiner Texte entstehen nicht erst, nachdem ich etwas verstanden habe, sondern während ich versuche, etwas zu verstehen. Schreiben ist für mich eine Form des Denkens.
Auch in Coachings, Meditationen und Gesprächen geht es mir letztlich darum, einen Raum zu eröffnen. Einen Raum, in dem Menschen sich gesehen, gehört und gefühlt fühlen. Einen Raum, in dem das ganze Leben Platz haben darf – mit seinen Brüchen, seinen Widersprüchlichkeiten und den Fragen, auf die es noch keine Antwort gibt.
Ich glaube, wir brauchen inneren Raum nicht, um mehr zu erleben. Wir brauchen ihn, um dem begegnen zu können, was das Leben ohnehin mit sich bringt. Ein Menschenleben ist reich an Erfahrungen; es besteht aus Freude und Verlust, aus Glück, Schuld, Liebe, Scham, Sehnsucht, Abschieden und Neuanfängen. All das will irgendwo in uns einen Platz finden. Innerer Raum bedeutet für mich, all diesen Erfahrungen zu begegnen, ohne dass uns eine einzige von ihnen ganz bestimmt.
Ich bin mit diesem Gedanken noch nicht fertig. Vielleicht werde ich es auch nie sein. Vielleicht ist genau das die Aufgabe eines Lebens: immer wieder neu Raum zu schaffen für das, was das Leben uns zumutet und schenkt.
Ich glaube, genau das ist der rote Faden meiner Arbeit und meines Lebens geworden: Räume zu schaffen. Für andere. Und immer wieder auch für mich selbst.
Diesen Text habe ich als Beitrag zur Blogparade von Anette Schade geschrieben, die danach fragt, wofür wir uns wieder Raum nehmen und was dafür gehen darf.
Mich würde sehr interessieren, wie das bei dir ist. Wofür nimmst du dir gerade Raum – und was musste dafür gehen? Ich freue mich, wenn du deine Gedanken mit mir in den Kommentaren teilst.
Häufige Fragen zum inneren Raum
Warum ist es so schwer, sich selbst Raum zu nehmen?
Viele von uns haben früh gelernt, für andere da zu sein und Erwartungen zu erfüllen – und identifizieren sich mit der Zeit so stark mit dieser Rolle, dass kaum noch Platz bleibt für die Frage, was wir selbst eigentlich brauchen. Sich Raum zu nehmen ist deshalb oft keine Frage des Kalenders, sondern der inneren Erlaubnis.
Was bedeutet „innerer Raum“ psychologisch?
Innerer Raum ist die psychische und geistige Kapazität, dem eigenen Erleben Platz zu lassen, ohne davon überwältigt zu werden. Subjektiv erleben wir diese Kapazität meist als Weite: ein Geist, der Angst und Freude, Zweifel und Zuversicht gleichzeitig halten kann, ohne dass eines davon den ganzen Raum einnimmt.
Ist innerer Raum dasselbe wie Achtsamkeit?
Ich verwende die Begriffe nicht synonym. Achtsamkeit kann ein Weg sein, inneren Raum zu kultivieren – einer von mehreren. Innerer Raum selbst ist die Kapazität, die dabei entstehen kann. Man kann achtsam sein und trotzdem eng bleiben, wenn die Übung selbst zur nächsten Pflicht wird.
Was ist Kontemplative Psychologie?
In dem Ansatz, in dem ich ausgebildet wurde, begegnen sich westliche psychologische Perspektiven und buddhistische Erkenntnisse über Wahrnehmung, Gewohnheitsmuster, Achtsamkeit und Mitgefühl – auch über die Qualität, die in dieser Tradition als Raum bezeichnet wird. Mehr dazu in Was ist Kontemplative Psychologie.
Was haben Biografiearbeit und innerer Raum miteinander zu tun?
Biografiearbeit lädt dazu ein, dem eigenen Leben aufmerksam zu begegnen. Sie hilft, Erfahrungen nicht nur zu erinnern, sondern ihnen Bedeutung zu geben. Dadurch entsteht Abstand zu alten Mustern, ohne sie zu verdrängen. Innerer Raum wächst häufig genau dort, wo wir unsere Lebensgeschichte mit Mitgefühl betrachten und erkennen, dass sie uns geprägt hat, aber nicht vollständig bestimmen muss.
Bedeutet innerer Raum, dass unangenehme Gefühle verschwinden?
Nein, das Gegenteil ist gemeint. Ein weiter Geist wird nicht dadurch weit, dass er nur noch Angenehmes zulässt. Er wird weit, weil in ihm auch Angst, Wut und Trauer Platz haben, ohne dass sie ihn vollständig ausfüllen.
Ist es egoistisch, sich selbst Raum zu nehmen?
Viele Menschen erleben Selbstfürsorge und Fürsorge für andere als Gegensatz: Wer sich selbst Raum nimmt, scheint ihn jemand anderem wegzunehmen. Es verhält sich eher umgekehrt. Wer sich selbst dauerhaft keinen Raum zugesteht, wird nicht grenzenlos belastbar, sondern irgendwann erschöpft, gereizt oder unpräsent – und genau das begrenzt, wie gut wir für andere da sein können. Eigener Raum ist deshalb keine Konkurrenz zur Fürsorge für andere, sondern häufig ihre Voraussetzung. Entscheidend ist nicht, ob wir uns Raum nehmen, sondern wie wir Verantwortung für uns selbst und andere miteinander ausbalancieren.
Mehr dazu in Wenn Selbstfürsorge immer wieder auf der Strecke bleibt.
Pia Hübinger ist Pädagogin, Coach und Trainerin für Achtsamkeit, Mitgefühl und achtsamkeitsbasierte Kommunikation. In ihrer Arbeit verbindet sie westliche und buddhistische Psychologie, Körperweisheit und Nervensystemarbeit zu einem heilsamen Prozess des Wieder-Ganz-Werdens. Sie ist davon überzeugt, dass Heilung und Veränderung dort beginnen, wo wir aufhören, uns selbst zu bekämpfen und lernen, uns mit liebevoller Präsenz zu begegnen.
Ihr Ansatz Radical Belonging verbindet psychologische Klarheit mit der Bereitschaft, auch schwierigen Erfahrungen nicht auszuweichen. Sie erteilt keine Diagnosen und keine Ratschläge, sondern schafft einen Rahmen, in dem Menschen ihrem eigenen Erleben begegnen können. Unzensiert, unverstellt, ungefällig. Denn nur wenn Veränderung an die eigene Erfahrung angebunden ist, hat sie Bestand.
Mehr über die Autorin erfährst du hier.



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