Letztes Jahr bin ich fünfzig geworden. Eine Zahl, mehr nicht, und doch hat sie etwas mit mir gemacht. Sie hat sich vor mich hingestellt wie eine Schwelle und gefragt, wo ich herkomme und wohin ich noch will. Wie ich mich für die Jahre, die kommen, eigentlich ausrichten möchte.
Was mich überrascht hat: Zu dieser Zahl hat jeder eine Meinung. Die Frauenzeitschriften zuallererst. In jeder steht jetzt eine Liste mit Dingen, die Frauen ab fünfzig lassen sollen. Trägerlose Tops. Lange Haare. Zu viel Make-up und zu wenig zugleich. Als wäre das Älterwerden eine Prüfung, zu der man auch noch die richtige Kleiderordnung mitbringen muss.
Es bleibt nicht bei den Zeitschriften. Schau dir an, wer im Film überhaupt vorkommt. Die MaLisa Stiftung hat hat mit der Medienforscherin Elizabeth Prommer von der Universität Rostock tausende Stunden Programm ausgewertet. Das Ergebnis: Frauen verschwinden ab Mitte dreißig nach und nach von der Leinwand, Männer erst ab fünfzig. Jenseits der fünfzig sind rund sieben von zehn tragenden Rollen männlich. Eine Frau in dem Alter taucht meist nur dann auf, wenn genau ihr Alter zum Thema wird. Sonst gehört die Bühne den Jungen, den Schlanken, den gerade Verliebten.
Und trotzdem. Wenn ich an meine beiden Großmütter denke, die im Alltag selbstverständlich Kittelschürze trugen, weiß ich, wie viel Spielraum wir heute haben. Über die Frage, wie sie sich mit fünfzig „ausrichten“ wollen, hätten sie vermutlich nur den Kopf geschüttelt. Diese Freiheit ist neu, und sie ist viel wert.
Bloß ertappe ich mich mit all dieser Freiheit immer noch dabei, Dinge zu tun, die niemand von mir verlangt. Neulich im Restaurant zog ich den Bauch ein, weil ein Foto gemacht wurde. Niemand hatte mich darum gebeten. Ich tue das seit vierzig Jahren, automatisch, wie atmen. Solche Reflexe waren nie meine Entscheidung. Man hat sie mir beigebracht, lange bevor ich wählen konnte – Mütter, Großmütter, Zeitschriften, eine ganze Umgebung, die genau wusste, wie ein Mädchen zu sein hat.
Genau deshalb ist diese Liste hier anders gemeint. Auf ihr steht nichts, was an dir falsch ist. Auf ihr stehen anerzogene Reflexe, die du ablegen darfst, eines nach dem anderen, wie zu enge Schuhe am Ende eines langen Tages. Neue Regeln findest du hier keine. Davon hattest du genug. Vielleicht kennst du die Frau im Restaurant. Vielleicht bist du sie.
Die Inhalte dieses Blogartikels:
ToggleSich kleinmachen
Irgendwann hast du gelernt, weniger Raum zu nehmen. Wahrscheinlich war es ein Tonfall, ein Blick, ein Satz deiner Mutter, der schon ihre Mutter klein gehalten hatte. Du hast es so gut gelernt, dass es sich längst nicht mehr nach einer Entscheidung anfühlt. Es fühlt sich an wie du.
- Dich bei jemandem entschuldigen, der dich angerempelt hat.
- Deinen Bauch einziehen, sobald eine Kamera in dein Sichtfeld gerät.
- „Nur eine kurze Frage“ voranstellen, bevor du deine eigentliche Frage stellst.
- Im Meeting „vielleicht eine blöde Idee, aber“ sagen – und dann erst deine Idee vorstellen.
- Dich selbst klein machen, damit jemand anderes sich groß fühlen kann.
- Das Stück Kuchen ablehnen, das du willst, und es später im Stehen am Kühlschrank essen.
- Im vollen Zug die Knie zusammenpressen, während dein Sitznachbar zwei Plätze einnimmt.
- dich präventiv schämen für etwas, das bisher nur als Gedanke oder Idee in dir existiert.
- Am Telefon lächeln, damit deine Stimme freundlich genug klingt.
- Im Café den schlechteren Platz nehmen, damit deine Begleitung den guten bekommt.
- Deine eigene Meinung dreimal absichern, bevor du sie aussprichst.
- Die Heizung runterdrehen, obwohl dir kalt ist, weil jemand anderes schwitzt.
- Beim Bezahlen die Karte schon zücken, damit du niemandem zur Last fällst.
- Über Witze lachen, die auf deine Kosten gehen, damit die Stimmung nicht gefährdet wird.
Die innere Kritikerin füttern
Morgens, noch vor dem ersten Kaffee, hält eine Stimme in dir Inventur. Diese innere Kritikerin zählt auf, was über Nacht schlechter geworden ist. Du hörst ihr zu, als wäre sie eine verlässliche Zeugin. Dabei lügt sie seit Jahren, und du glaubst ihr trotzdem jeden Morgen aufs Neue. Auch sie ist nicht von dir, sie wurde dir geliehen.
- Im Spiegel zuerst nach dem suchen, was nicht stimmt.
- Fotos löschen, auf denen du lachst, weil du dich darauf unvorteilhaft findest.
- Über deinen eigenen Körper reden wie über eine Person, die du nicht magst.
- dich mit der eigenen Version von vor zwanzig Jahren vergleichen und dabei jedes Mal verlieren.
- Komplimente wegwischen oder relativieren („ach, das war doch nichts besonderes“).
- Dich für den eigenen Hunger schämen.
- Die Stimme deines inneren Kritikers für die einzig wahre halten.
- Dich über das eigene Alter definieren, als wäre eine Zahl ein Charakterzug.
- Das Licht der Umkleidekabine für die Wahrheit halten.
- Dir an guten Tagen vorwerfen, dass du nicht jeden Tag so bist.
- Die eigene Erschöpfung als Charakterschwäche bewerten.
- Auf dem Gruppenfoto zuerst prüfen, wie schlecht du getroffen bist.
Auf Erlaubnis warten
„Dafür bin ich zu alt“ ist ein erstaunlicher Satz. Du sagst ihn über Dinge, die du noch nie getan hast. Über das Klavier, die Reise, den Anfang. Als hättest du es längst ausprobiert und es habe einfach nicht gepasst – dabei hast du nur gewartet.
- „Dafür bin ich zu alt“ sagen über Dinge, die du noch nie versucht hast.
- Auf den richtigen Moment warten, der seit Jahren nicht kommt.
- Einen Kurs nicht anfangen, weil man „mit Mitte fünfzig doch nicht mehr von vorn…“.
- Die gute Bluse für einen besonderen Anlass aufheben, der nie eintritt.
- Allein verreisen erst, wenn jemand mitkommt.
- Das gute Geschirr im Schrank lassen für Gäste, die wichtiger sind als du selbst.
- Warten, bis du dich bereit fühlst. (Niemand fühlt sich je bereit.)
- Dir die Erlaubnis bei Menschen holen, die selbst keine haben.
- Dich vor jeder Veränderung fürchten, als wäre Bleiben das Sichere.
- In der Vergangenheit feststecken und darüber die Gegenwart verpassen.
- Die Tanzstunde/ den Fallschirmsprung auf den nächsten Lebensabschnitt verschieben.
- Erst abnehmen wollen, bevor dein eigenes Leben anfangen darf.
- Deinen eigenen Traum für unvernünftig erklären.
- Fragen, ob du das „in dem Alter noch tragen kannst“.
- Dir erst beweisen müssen, dass du eine Pause verdient hast.
- Auf Applaus von anderen warten, bevor du dir erlaubst, stolz auf dich zu sein.
Fremde Geschichten leben
Es gibt ein Drehbuch, das man dir früh in die Hand gedrückt hat. Sei lieb. Sei pflegeleicht. Sorg dafür, dass alle zufrieden sind, dann bist du ein guter Mensch. Du hast die Rolle so überzeugend gespielt, dass du irgendwann vergessen hast, dass der Text nie deiner war.
- Sofort auf jede Nachricht antworten, damit niemand dich für unhöflich hält.
- Ja sagen und es danach tagelang bereuen.
- Den Familienfrieden auf eigene Kosten retten.
- Für alle kochen und selbst im Stehen essen.
- Konflikte schlucken und sie nachts im Kopf immer wieder durchgehen.
- „Ich will nicht stören“ denken, wo du gebraucht und gewollt wirst.
- Sich entschuldigen für Wünsche, die einfach Wünsche sind.
- Es allen recht machen wollen und am Ende selbst leer ausgehen.
- Energie an Beziehungen verschwenden, die dir die Kraft rauben.
- Dich an Weihnachten zerreißen, damit das Fest für alle „schön“ wird.
- Die Schwiegermutter beschwichtigen, die dich nie gemocht hat.
- Einen Streit beenden, indem du dir selbst unrecht gibst.
- So tun, als ginge es dir gut, damit niemand sich Sorgen macht.
So tun, als wäre Zeit unendlich
Irvin Yalom, der alte Psychiater, schreibt: Die Angst vor dem Tod wächst mit jedem ungelebten Tag. Was unerledigt bleibt, drückt am Ende schwerer als das Ende selbst. Du musst dafür nicht ans Sterben denken. Es reicht, den Anruf nicht länger aufzuschieben.
- So tun, als käme das wichtige Gespräch irgendwann von allein.
- Den Anruf bei einer alten Freundin auf „demnächst“ verschieben, bis „demnächst“ zu spät ist.
- Groll mit ins Grab nehmen wollen, als wäre er ein Besitz.
- Den Streit von vor zwanzig Jahren immer noch nicht beilegen, weil du recht behalten willst.
- Die Signale deines eigenen Körpers überhören.
- Den Eltern die eine Frage nicht stellen, solange sie noch antworten können.
- Glauben, es bleibe unbegrenzt Zeit, das Leben richtig anzufangen.
- Die eigene Gesundheit aufschieben, weil alles andere wichtiger erscheint.
- Die Reise an das eine Meer auf „wenn die Knie noch mitmachen“ schieben.
- Versöhnung an Bedingungen knüpfen, die der andere nie erfüllen wird.
- Den Sommer durcharbeiten und auf den nächsten hoffen.
- Liebe denken und sie nie aussprechen.
- Sich einreden, das Leben fange nach diesem einen Projekt erst richtig an.
Sich optimieren
Und dann ist da dieser eine Reflex, der sich als Tugend verkleidet: an dir zu arbeiten. Immer weiter, immer besser. Du bist aber kein Bauprojekt. Du musst nicht fertig werden, bevor du dich magst.
- An dir arbeiten wie an einer Baustelle, die nie abgenommen wird.
- Jeden Morgen mit Vorsätzen beginnen, die schon das Frühstück nicht überleben.
- Selbstfürsorge zu einem weiteren Punkt auf deiner To-do-Liste machen.
- Dich für faul halten, sobald du dich ausruhst.
- Dein Leben managen, statt es zu leben.
- Pausen rechtfertigen, als müsstest du sie dir erkaufen.
- Deinen eigenen Wert an der Menge der erledigten Aufgaben messen.
- Listen lesen mit Dingen, die Frauen über 50 nicht mehr tun sollten.
Und jetzt vergiss auch diese Liste
Vielleicht hast du beim Lesen längst gemerkt, wohin das läuft. Eine Liste mit Dingen, die du nicht mehr tun sollst, ist am Ende auch nur wieder eine Liste. Noch eine Instanz, die dir vorbuchstabiert, wie du zu sein hast.
Also streich sie ruhig durch! Du musst nichts davon ablegen, um in Ordnung zu sein. Du warst die ganze Zeit in Ordnung, auch in den vierzig Jahren mit eingezogenem Bauch. Tara Brach nennt das radikale Akzeptanz: dass: dass an dir nichts repariert werden muss, bevor du dir selbst gehören darfst.
Und ich? Ich lasse beim nächsten Foto die Luft raus. Es wird gemacht, ich lache, der Bauch ist weich. Niemand am Tisch liebt mich weniger. Es hat mich nie jemand darum gebeten.
Pia Hübinger ist Pädagogin, Coach und Trainerin für Achtsamkeit, Mitgefühl und achtsamkeitsbasierte Kommunikation. In ihrer Arbeit verbindet sie westliche und buddhistische Psychologie, Körperweisheit und Nervensystemarbeit zu einem heilsamen Prozess des Wieder-Ganz-Werdens. Sie ist davon überzeugt, dass Heilung und Veränderung dort beginnen, wo wir aufhören, uns selbst zu bekämpfen und lernen, uns mit liebevoller Präsenz zu begegnen.
Ihr Ansatz Radical Belonging verbindet psychologische Klarheit mit der Bereitschaft, auch schwierigen Erfahrungen nicht auszuweichen. Sie erteilt keine Diagnosen und keine Ratschläge, sondern schafft einen Rahmen, in dem Menschen ihrem eigenen Erleben begegnen können. Unzensiert, unverstellt, ungefällig. Denn nur wenn Veränderung an die eigene Erfahrung angebunden ist, hat sie Bestand.
Mehr über die Autorin erfährst du hier.



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