Und was der hungrige Geist damit zu tun hat
Ich stehe auf der Waage. Es ist früh, ich habe noch nichts gegessen, das müsste also die ehrlichste Zahl des Tages sein. Sie ist trotzdem zu hoch. Ich steige noch einmal runter und wieder rauf, als würde sich dadurch etwas ändern. Dann höre ich ihn schon, den Satz, der sich anfühlt wie meine eigene Stimme und es doch nicht ganz ist: Du müsstest mehr Sport machen. Mehr Kraftsport. Dann hättest du auch diese Rückenschmerzen nicht.
Ich bin einundfünfzig, mitten in den Wechseljahren, und ich kenne diese Stimme gut. Sie meldet sich nicht nur auf der Waage. Sie meldet sich, wenn ich mit jüngeren Kolleginnen über meine Selbstständigkeit spreche und denke: Die sind schon viel weiter. Besser. Sie meldet sich, wenn ich mit meinen Kindern die Geduld verliere und mir danach vorhalte, dass ich doch eigentlich wissen müsste, wie es geht. Ich bin schließlich vom Fach. Und sie meldet sich, ganz leise, wenn ich abends noch ein Fachbuch aufschlage oder mich für die nächste Fortbildung anmelde, mit dem Gefühl, dass ich noch immer nicht genug weiß.
Immer dasselbe Gefühl dahinter: egal ob zu wenig Sport, zu wenig Geduld, zu wenig Wissen – zu wenig ich, so wie ich gerade bin.
Die Inhalte dieses Blogartikels:
ToggleWer bin ich eigentlich, wenn ich „nicht ich selbst“ bin?
Ich erinnere mich an die erste Wohnung, in der ich ganz allein gelebt habe. Ich habe die Rolle gespielt, die ich für „erwachsene Frau, die allein wohnt“ hielt – aufräumen, einkaufen, Rechnungen bezahlen –, aber es fühlte sich lange nicht nach mir an, eher wie ein Kostüm, das noch nicht richtig saß. Ähnlich war es später an der Uni, direkt nach dem Studium, als Dozentin. Ich habe Wissenschaftlerin gespielt und mir dabei zugeschaut. Auch das war nicht ich – oder war ich es doch, nur eben eine sehr neue Version davon?
Und jetzt, am Ende der Perimenopause, kommen diese Momente wieder, nur unter anderen Vorzeichen. In manchen Zyklusphasen bin ich gereizt und schlecht gelaunt, ohne einen Grund, den ich benennen könnte, und denke: Das bin doch gar nicht ich. Als hätte sich jemand in mein Leben geschlichen, der meine Stimme benutzt.
In meiner dreijährigen Ausbildung in kontemplativer Psychologie haben wir uns lange mit genau dieser Frage beschäftigt: Was ist eigentlich das Ich, das da angeblich verloren geht oder wiedergefunden werden muss? Wir haben es in fünf Ebenen zerlegt – Körper, Gefühle, Sinneswahrnehmungen, Gedanken, Bewusstsein – und jede einzeln durchsucht. Das Ergebnis war ernüchternd und befreiend zugleich: Nirgendwo, in keiner der fünf Ebenen, lässt sich ein festes Ich greifen. Was blieb, war Bewegung. Ein Vorgang, der sich ständig neu zusammensetzt.
Das buddhistische Wort dafür ist Anatta, Nicht-Selbst – aber eigentlich braucht man das Wort nicht, um zu verstehen, worum es geht. Man braucht nur die eigene Erinnerung: die Frau, die allein in ihre erste Wohnung zog, die junge Dozentin, die gereizte Perimenopause-Frau von heute. Wenn keine von ihnen „das eigentliche Ich“ war und trotzdem alle irgendwie ich waren – wovor genau habe ich dann Angst, wenn ich Angst habe, mich in den Wechseljahren zu verlieren?
Vielleicht ist die Angst, sich selbst zu verlieren, an einen Ort gerichtet, den es nie gegeben hat.
Der hungrige Geist meldet sich, gerade wenn ich am wenigsten damit rechne
Das würde ich gern als Erkenntnis stehen lassen, hübsch abgerundet. Aber so einfach ist es nicht. Denn kaum habe ich verstanden, dass es kein festes Ich gibt, das ich verlieren könnte, meldet sich die nächste Stimme. Dann muss ich eben besser verstehen, wie das mit dem Nicht-Selbst funktioniert. Noch ein Buch lesen, noch eine Fortbildung buchen.
In der kontemplativen Psychologie gibt es dafür ein Bild, das mich getroffen hat, als ich es zum ersten Mal richtig verstanden habe: den hungrigen Geist. Ein Wesen mit einem riesigen, leeren Bauch und einem winzigen Mund, Egal wie viel es auch frisst, es wird nie satt. In der Maitri-Space-Awareness-Praxis, mit der wir solche reaktiven Muster untersuchen, ist mir irgendwann etwas Unbequemes klar geworden: Auch „noch ein Buch, noch eine Fortbildung, noch mehr Wissen“ ist eine Spielart dieses hungrigen Geistes. Ausgerechnet bei mir – der Achtsamkeitstrainerin! Ich predige Genug-Sein und melde mich heimlich zum nächsten Kurs an, weil ich mich noch nicht kompetent genug fühle.
Das Bild vom leeren Bauch trifft etwas, das sich auch nüchtern beschreiben lässt: Jede erreichte Stufe verschiebt bloß den Maßstab für die nächste. Die Fortbildung, die ich gerade abgeschlossen habe, macht mich für ein paar Tage ruhiger – und hebt danach still die Latte für das, was ich als „genug wissen“ empfinde. Die Psychologie kennt das unter dem Stichwort hedonistische Adaptation: Wir gewöhnen uns an das, was wir erreicht haben, so schnell, dass die Zufriedenheit kaum eine Spur hinterlässt, während der neue Maßstab bleibt. Der hungrige Geist ist ein Mechanismus, der bei jedem von uns so funktioniert. Mehr Verdrahtung als Charakterschwäche – bei mir zeigt er sich eben besonders gern über Wissen und Kompetenz, weil das mein wohlvertrautes Terrain ist.
Der hungrige Geist trägt in den Wechseljahren viele Verkleidungen. Er sagt: Iss anders, dann geht die Gewichtszunahme weg. Er sagt: Mach mehr Kraftsport, dann hättest du diese Rückenprobleme nicht. Er sagt, wenn ich mit meinen Kindern ungeduldig war: Du solltest das inzwischen besser können. Und er sagt, wenn ich abends erschöpft bin: Andere schaffen das mit mehr Anmut. Selten beunruhigt mich der Rücken selbst, die Reizbarkeit selbst, die müden Abende selbst – es ist das Zuwenig oder Zuviel, das ich jedes Mal dahinter vermute.
Warum die Stimme ausgerechnet jetzt lauter wird
Ich könnte diese Stimme achtsam beobachten und trotzdem übersehen, warum sie sich gerade in dieser Lebensphase so oft zu Wort meldet. Die Antwort hat für mich zwei Schichten, und beide reichen tiefer als die Wechseljahre selbst.
Die erste Schicht ist alt. Den eigenen Wert an Leistung zu knüpfen, habe ich mir nicht mit fünfzig zugelegt. In der Psychologie heißt das kontingenter Selbstwert – der eigene Wert hängt an Bedingungen, an Erfolg, Disziplin, Funktionieren. Als Kind war Anstrengung meine verlässlichste Währung für Zugehörigkeit: Wer sich mühte, wurde gesehen und gelobt. Das war eine kluge Anpassung an die Familie, in der ich groß geworden bin. Nur trage ich diese alte Rechnung bis heute mit mir herum, auch dann, wenn längst niemand mehr Noten verteilt.
Die zweite Schicht ist neu, oder tritt zumindest jetzt zum ersten Mal so deutlich auf. Der hormonelle Umbau der Perimenopause – vor allem der stark schwankende Östrogenspiegel – verändert auch, wie das Nervensystem mit Anspannung umgeht: Östrogen wirkt auf Botenstoffe wie Serotonin und auf die GABA-Aktivität, also auf genau die Systeme, die uns helfen, uns selbst zu beruhigen. Das erklärt, was ich an mir beobachte: Die kritische Stimme kenne ich schon lange, sie war immer da. Was sich gerade verändert, ist meine Fähigkeit, ihr zu widersprechen.
Beide Schichten zusammen ergeben ein anderes Bild als „Ich bin in den Wechseljahren einfach empfindlicher“. Ein altes, einmal sinnvolles Muster trifft auf ein Nervensystem, das im Moment weniger Puffer hat als sonst. Das erklärt, ohne zu entschuldigen – und es macht die Stimme – so unangenehm sie auch ist – leichter zu verstehen als einen Feind, den ich bekämpfen müsste.
Der Fehler, den Frauen zuerst bei sich selbst suchen
Bei diesem Muster kommt für Frauen oft noch etwas dazu, das ich bei mir und bei Klientinnen immer wieder beobachte: Wir suchen den Fehler zuerst bei uns selbst. Der erste Satz lautet selten „die Wechseljahre sind eine harte Zeit“. Meistens lautet er „ich schaffe die Wechseljahre nicht so gut wie andere“. Erst der Vergleich nach außen – die anderen sind schon weiter, gelassener, disziplinierter –, dann die Wendung nach innen: Also liegt es an mir.
Das ist die Stelle, an der sich meine beiden Gedanken zu einem einzigen verdichten. Ich suche nach dem richtigen Ich in den Wechseljahren – dem gelassenen, geduldigen, sportlichen, weisen –, weil ich glaube, es müsste eigentlich schon da sein, und ich hätte es nur verloren oder noch nicht gefunden. Aber genau diese Suche selbst ist bereits der hungrige Geist bei der Arbeit, nur in seiner klügsten Verkleidung.
Was bleibt, wenn ich beides nicht auflöse
Ich würde gern schreiben, dass ich das inzwischen im Griff habe, dass mir seit der Erkenntnis mit der Maitri-Space-Awareness-Praxis die Stimme nicht mehr begegnet. Das stimmt nicht. Ich stehe immer noch auf der Waage. Ich melde mich immer noch zu Fortbildungen an, manche davon aus echter Neugier, manche, weil ich mich vor mir selbst rechtfertigen will. Beides ist wahr, und ich muss es nicht auflösen.
Was sich verändert hat, ist etwas Kleineres, aber – finde ich – nicht Unwichtigeres: Ich erkenne die Stimme inzwischen schneller, als das, was sie ist – eine altbekannte Besucherin, die einmal mehr behauptet, ich sei noch nicht genug. Und manchmal reicht es schon, sie zu erkennen, um ihr nicht sofort zu glauben.
Und seit einiger Zeit tue ich noch etwas mehr: Ich antworte ihr. So, wie eine gute Freundin widerspricht, weil sie es gut mit mir meint – freundlich, aber bestimmt. Wenn mich jemand nach meiner besten Strategie für die Wechseljahre fragt, ist es inzwischen genau das – eine freundlichere innere Stimme, mehr als jede neue Routine. Das ist eine eigene Übung, die noch mal einen ganzen Artikel für sich verdient hat – hier reicht der Kern: Der hungrige Geist braucht eine Stimme, die lauter ist als seine.
Wie geht es dir mit deiner eigenen kritischen Stimme in den Wechseljahren? Welche Verkleidung trägt der hungrige Geist bei dir besonders gerne: Sport, Konsum, Erfolg oder etwas ganz anderes? Schreibe es mir gerne in die Kommentare.
Quellen, falls du tiefer einsteigen willst
Die schützende Wirkung von Östrogen auf Stimmung und Stressregulation über das Serotonin- und GABA-System ist in der Menopause-Forschung gut dokumentiert. Wer nachlesen möchte:
Gordon, J. L., Rubinow, D. R., Eisenlohr-Moul, T. A., Xia, K., Schmidt, P. J., & Girdler, S. S. (2018). Efficacy of transdermal estradiol and micronized progesterone in the prevention of depressive symptoms in the menopause transition: A randomized clinical trial. JAMA Psychiatry, 75(2), 149–157. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2017.3998
Turek, J., & Gąsior, Ł. (2023). Estrogen fluctuations during the menopausal transition are a risk factor for depressive disorders. Pharmacological Reports, 75(1), 32–43. https://doi.org/10.1007/s43440-022-00444-2
Und ein eigener Artikel, der die Frage nach gutem Altern insgesamt vertieft: Gut altern heißt nicht, ewig jung zu bleiben.
Häufige Fragen zum hungrigen Geist in den Wechseljahren
Was bedeutet Anatta, das buddhistische Prinzip des Nicht?
Anatta beschreibt die Einsicht, dass sich in keiner der fünf Ebenen unserer Erfahrung – Körper, Gefühle, Sinneswahrnehmungen, Gedanken, Bewusstsein – ein festes, unveränderliches Ich finden lässt. Was wir „ich“ nennen, ist eher ein Vorgang, der sich laufend neu zusammensetzt, als ein Punkt, der unversehrt bleiben müsste.
Was ist der hungrige Geist (Preta) in der buddhistischen Psychologie?
Der hungrige Geist gehört zu den traditionellen Bildern für innere Zustände im buddhistischen Denken: ein Wesen mit riesigem Bauch und winzigem Mund, das nie satt wird. Psychologisch beschreibt es ein Muster ständigen Mangelgefühls – egal wie viel erreicht ist, es fühlt sich nie genug an.
Warum werden die Wechseljahre oft als Identitätskrise erlebt?
Weil sich in dieser Zeit mehrere vertraute Bezugspunkte gleichzeitig verschieben – Körper, Stimmung, Rollen im Alltag – und unsere Kultur wenig Sprache dafür hat, was in dieser Phase entsteht, statt nur, was verschwindet. Wer schon früher erlebt hat, wie sich das eigene Ich in neuen Lebensabschnitten verändert – erste eigene Wohnung, neuer Beruf –, erkennt das Muster oft wieder.
Was hat der Hormonhaushalt mit der inneren kritischen Stimme zu tun?
Der schwankende Östrogenspiegel in der Perimenopause wirkt auf Botenstoffe wie Serotonin und auf die GABA-Aktivität, die an der Fähigkeit zur Selbstberuhigung beteiligt sind. Die alten, selbstkritischen Muster verschwinden dadurch nicht automatisch, doch das Nervensystem hat oft weniger Puffer, ihnen zu widersprechen.
Wie erkenne ich den hungrigen Geist bei mir selbst?
An dem Gefühl, das nach einem eigentlich guten Ergebnis bleibt: Kaum ist ein Ziel erreicht – eine Fortbildung, ein Trainingsplan, eine neue Routine –, verschiebt sich der Maßstab, und das nächste Zuwenig meldet sich. Die Psychologie nennt dieses Muster hedonistische Adaptation.
Muss ich den hungrigen Geist loswerden?
Ich versuche in meiner Praxis eher, ihn zu erkennen, wenn er auftaucht, statt ihm sofort zu glauben. Das nimmt ihm nicht die Stimme, verändert aber, wie viel Gewicht ich ihr gebe.
Dieser Beitrag ist für Sabine Gerharz‘ Blogparade „Meine Strategien für wunderbare Wechseljahre“ entstanden.
2 Kommentare zu „Ich bin nicht mehr ich selbst – Warum sich die Wechseljahre manchmal wie eine Identitätskrise anfühlen“
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Liebe Pia,
diesen hungrigen Geist kenne ich richtig gut! Bei mir meldet er sich vor allem übers Funktionieren-Müssen. Eine Zeitlang habe ich mit Klopftechnik gegen die Stimme gearbeitet, mit dem Mantra „Gut genug“ und es hat tatsächlich geholfen, ihr mal zu widersprechen, genau so wie du es am Ende beschreibst. Danke für diesen Artikel, so ehrlich und genau geschrieben.
Herzliche Grüße, Sona-
Liebe Sona,
danke dir. ❤️ „Gut genug“ ist ein schönes Gegengewicht zu dieser alten Stimme. Und du hast recht: Es geht gar nicht darum, sie zum Schweigen zu bringen, sondern ihr nicht mehr automatisch zu glauben.
Ich freue mich sehr, dass du deine Erfahrung geteilt hast.
Von Herzen
Pia
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Pia Hübinger ist Pädagogin, Coach und Trainerin für Achtsamkeit, Mitgefühl und achtsamkeitsbasierte Kommunikation. In ihrer Arbeit verbindet sie westliche und buddhistische Psychologie, Körperweisheit und Nervensystemarbeit zu einem heilsamen Prozess des Wieder-Ganz-Werdens. Sie ist davon überzeugt, dass Heilung und Veränderung dort beginnen, wo wir aufhören, uns selbst zu bekämpfen und lernen, uns mit liebevoller Präsenz zu begegnen.
Ihr Ansatz Radical Belonging verbindet psychologische Klarheit mit der Bereitschaft, auch schwierigen Erfahrungen nicht auszuweichen. Sie erteilt keine Diagnosen und keine Ratschläge, sondern schafft einen Rahmen, in dem Menschen ihrem eigenen Erleben begegnen können. Unzensiert, unverstellt, ungefällig. Denn nur wenn Veränderung an die eigene Erfahrung angebunden ist, hat sie Bestand.
Mehr über die Autorin erfährst du hier.



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