Spuren deines Lebens. 

20 biografische Fragen, die dir einen freundlicheren Blick auf dein Leben eröffnen

Adventskalender: Sei dir gut! Mit Freude und innerer Balance durch den Advent

Wenn du funktionierst, aber die Freude fehlt: Glück als Gewohnheit einüben

Pia Hübinger am Strand, lächelnd — Glück als Gewohnheit

Es ist Nachmittag, die Sonne steht hoch, und ich packe die Badetasche. Ein Buch kommt oben drauf, die Schwimmsachen, drei Handtücher, zwei Wasserflaschen. Meine Kinder holen schon die Fahrräder aus der Garage. Wir fahren ins Freibad.

Auf der Suche nach Gesellschaft von befreundeten Müttern höre ich von vielen:. „Freibad, bei dem Andrang? Nein danke.“ „Ich fühl mich gerade nicht wohl im Badeanzug.“ „So viele Menschen, so viel Trubel.“ Oder auch: „Dafür habe ich keine Zeit.“ Manche dieser Sätze kenne ich und treffe innerlich dennoch eine andere Entscheidung. Schon vor vielen Jahren habe ich beschlossen, solche Stunden zu genießen. Ich rutsche mit großer Begeisterung mit den Kindern um die Wette, schwimme meine Bahnen, während sie am Sprungturm anstehen und behalte sie dabei im Blick. Ich lese ein paar Seiten in der Sonne. Am Abend bin ich müde und zufrieden, und niemand kann mir diese Zufriedenheit mehr wegnehmen, denn sie ist nicht zufällig. Ich habe sie gewählt und die Bedingungen dafür geschaffen. Zum Beispiel dadurch, dass ich mich heute morgen um 5 Uhr nach meiner Meditation an den Schreibtisch gesetzt habe.

Genau darum geht es mir hier. Um die Freude, die wir wählen, statt auf sie zu warten. Und darum diese Haltung zur Gewohnheit werden zu lassen.

Auf einen Blick: Glück ist weniger Zufall als Gewohnheit. Freude entsteht nicht, wenn die Umstände endlich perfekt sind, sondern wenn wir sie immer wieder bewusst wählen und in kleine tägliche Handlungen übersetzen, bis sie zur inneren Grundhaltung wird.

  • Freude wählen statt warten: Wissen allein verändert nichts, es muss zur Praxis werden.
  • Drei einfache Gewohnheiten: eine Morgenpraxis wie Meditation, bewusst gestaltete Zeit für das, was zählt, und eine vierteljährliche „To-Want-Liste“.
  • Innere Weite und gute Beziehungen: Freude wächst selten allein; ein nährendes Umfeld stärkt sie.

Von vollen Kalendern und innerer Leere

Ein voller Kalender gilt heute fast als Statussymbol. Wer viel um die Ohren hat, ist wichtig, gefragt, mittendrin, und erzählt es auch gern, dieses „bei mir ist gerade so viel los“. Nur führt genau diese Fülle oft in einen Zustand, über den viel seltener offen gesprochen wird. Du stehst morgens auf, erledigst, was ansteht, bist freundlich, verlässlich, leistungsfähig. Und innen ist es leer.

Ich kenne diesen Zustand aus eigener Erfahrung. Nach außen lief alles fantastisch: Ich erledigte beruflich wie privat meine Aufgaben, organisierte verlässlich verschiedene Projekte und funktionierte. Nur in mir selbst kam davon irgendwann kaum noch etwas an. Damals holte ich mir Unterstützung. Sie half mir, wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Und dabei lernte ich etwas, das ich bis heute immer wieder in meiner Arbeit sehe: Wieder emotional stabil zu sein und wieder Freude zu empfinden sind zwei verschiedene Dinge. Das eine bringt dich zurück auf die Beine. Das andere, die Freude, ist ein zweites Projekt, das niemand dir automatisch mitliefert.

Vielleicht habe ich dieses zweite Projekt überhaupt erst in Angriff genommen, weil schon sehr früh ein starker Wille zum Leben in mir war. Dass ich hier bin, war nie selbstverständlich. Lange bevor ich wusste, was eine Entscheidung ist, muss ich mich auf meine Weise bereits für dieses Leben entschieden haben. So erzählt es heute meine Mutter.

Dieser Lebenswille ist geblieben. In meinen Zwanzigern bekam er eine neue Richtung. Aus dem bloßen Weiterleben wurde eine Frage: Wie geht Freude eigentlich? Lässt sie sich lernen, nähren, vielleicht sogar einüben?

Später habe ich bei Thich Nhat Hanh einen Gedanken gefunden, der diese Zeit im Nachhinein erklärt. Er schreibt, wir bräuchten eine gewisse Dosis Leid, um Glück überhaupt zu erkennen, so wie wir ein schmerzfreies Gebiss erst zu schätzen wissen, wenn wir einmal Zahnschmerzen hatten. Achtsamkeit flieht das Leid deshalb nicht, sie nimmt es in den Arm. An anderer Stelle erzählt er von einem Mann, der sich buchstäblich graue Haare sorgte, und gibt ihm einen schlichten Rat: Tun Sie das nicht, es ist besser, zu sein als zu denken.

Genau da lag mein Denkfehler. Ich hatte lange darüber nachgedacht, wie ein gutes Leben aussehen müsste und was ich an mir noch verändern, verbessern oder endlich in den Griff bekommen sollte, damit es beginnen konnte. Dabei entsteht ein gutes Leben viel weniger im Kopf, als ich damals glaubte. Es geschieht in den Momenten, in denen ich wirklich anwesend bin.

Freude ist kein Zustand, den man erreicht

Ich habe mich früh mit Positiver Psychologie beschäftigt, lange bevor das ein Modethema war. Dort habe ich viel Brauchbares gefunden. Später hat die buddhistische Weisheitslehre dem Ganzen noch einmal eine andere Tiefe gegeben.

Meine Kollegin Indira Gupta, die die Blogparade „Wir wählen Freude“ ausgerufen hat, bringt es auf einen Satz, den ich sofort unterschreiben konnte: Freude sei „kein Luxus“, sondern „Haltung. Kraft.“ Das trifft genau, worum es geht. Freude ist kein Zustand, in den du irgendwann hineingerätst, wenn die Umstände endlich stimmen. Freude ist eine Haltung, die du einnimmst. Und Haltungen kann man üben.

Der häufigste Denkfehler steckt in einem kleinen Wörtchen: wenn. Wenn ich erst abgenommen habe. Wenn dieses Projekt erst abgeschlossen ist. Wenn endlich Urlaub ist. Wenn die Kinder erst mal aus dem Haus sind. Wir vertagen die Freude auf einen Moment, in dem die Bedingungen perfekt sein sollen. Nur kommt dieser Moment nicht. Es ist nie ganz aufgeräumt, nie ganz ruhig, nie ganz der richtige Körper, nie ganz der richtige Zeitpunkt. Wer auf die perfekten Umstände wartet, wartet ein Leben lang.

Die gute Nachricht: Ich muss die Umstände dafür nicht schönreden. Ich muss die Freude nur aus ihrer Geiselhaft befreien und sie nicht länger von Bedingungen abhängig machen, die sich ohnehin nie vollständig herstellen lassen.

Warum Wissen allein nicht genügt

Hier muss ich etwas über Ratgeber sagen, weil ich früher selbst so viele davon gelesen habe (und es manchmal immer noch gerne tue). Die Tipps und Hacks, die dort stehen, sind oft gar nicht schlecht. Dankbarkeitstagebuch, Bewegung, gute Beziehungen pflegen, weniger Bildschirm, mehr Natur – sehr vieles davon stimmt. Das Problem liegt woanders.

Wie tief das eigentliche Problem reicht, habe ich vor etwa 25 Jahren in einem meiner ersten Seminare am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie erlebt. Anstelle einer klassischen Hausarbeit bekamen die Studierenden von mir eine ungewöhnliche Aufgabe: Sie sollten sich ein psychologisches Selbsthilfebuch aussuchen, das darin beschriebene Programm ausprobieren und ihre Erfahrungen dokumentieren.

Die Auswahl spiegelte die Sehnsüchte dieser Zeit: endlich schlank, endlich organisiert, endlich Nichtraucher, endlich erfolgreich. Am Anfang waren alle hochmotiviert. Sie setzten die Empfehlungen um, bemerkten erste Erfolge und waren überzeugt: Diesmal klappt es. Zwei oder drei Wochen später brachen die meisten ab.

Mir war wichtig, dass niemand um seine Note fürchten musste. Durchhalten gehörte ausdrücklich nicht zu den Bewertungskriterien. Auch das Scheitern, Zweifeln oder Aufgeben durfte und sollte ehrlich beschrieben werden. Gerade dadurch tauchte in fast allen Berichten derselbe Satz auf, mal wörtlich, mal leicht abgewandelt:

„Ich verstehe mich selbst nicht. Ich weiß doch, wie es geht. Ich hatte sogar schon Erfolge. Warum schaffe ich es trotzdem nicht, dranzubleiben?“

Dieser Satz ist für mich der Kern der ganzen Sache. Wir scheitern fast nie am Wissen. Wir scheitern daran, dass aus dem Wissen keine Gewohnheit wird. Zwischen „ich weiß, dass es hilft“ und „ich tue es, immer wieder, auch wenn ich müde bin“ liegt ein Abgrund. Über diesen Abgrund trägt kein noch so gutes Buch. Es trägt allein die Praxis, die sich so lange wiederholt, bis sie zur Gewohnheit wird.

Genau hier hat mich Thich Nhat Hanh am tiefsten berührt. In seinem Buch „Die Heilkraft der buddhistischen Psychologie“ trägt ein Kapitel den Titel „Glück als Gewohnheit“, und dieser Titel ist schon die halbe Lehre. Glück ist bei ihm nichts, was einem zustößt. Es ist etwas, das man einübt, bis es von selbst geschieht, so wie das Gehen irgendwann von selbst passiert, obwohl es einmal mühsam erlernt werden musste.

Thich Nhat Hanh beschreibt, wie wir im Geist unzählige Samen tragen: Samen der Freude und der Liebe, aber auch Samen der Angst, des Ärgers, der Verzweiflung. Welche davon aufgehen, hängt davon ab, welche wir gießen. Wässern wir Tag für Tag die heilsamen Samen, werden sie kräftig. Vernachlässigen wir sie, werden sie von den anderen überwuchert. Er benutzt dafür ein sehr alltägliches Bild: Wenn in uns immer wieder dieselbe leidvolle Melodie läuft, können wir eine andere Platte auflegen. Eine, die uns guttut. Je öfter wir sie spielen, desto vertrauter wird sie. Das hat nichts mit Esoterik zu tun. Es ist schlicht Übung, und Übung schafft Gewohnheit.

Meine erste Gewohnheit: der Morgen

Die erste dieser Gewohnheiten ist für mich die Meditation am frühen Morgen. Bevor ich die Welt in mich hineinlasse, nehme ich Kontakt mit mir selbst auf. Noch keine Nachrichten, keine To-do-Liste, keine Stimmen von außen. Erst einmal sitzen, atmen und spüren, wie ich eigentlich da bin.

Diese Zeit verändert meinen ganzen Tag. Die Aufgaben bleiben dieselben, der Mann und die Kinder auch, und die volle To-do-Liste löst sich dadurch natürlich nicht auf. Verändert hat sich die Art, wie ich all dem begegne. Es ist, als bekäme der Tag einen anderen Geschmack, einen ruhigeren Grundton.

Ich spüre eine Richtung, in die mein Tag kippt. Und sie kommt nicht, weil der Morgen besonders schön wäre. Sie kommt, weil ich mich hingesetzt habe. Auch an den Tagen, an denen ich müde war oder keine Lust hatte. Gerade an denen!

Thich Nhat Hanh nennt das Sitzen dhyana, Meditation. Das immer neue Hinsetzen hingegen ist virya, Tatkraft: eine beständige, freundliche Beharrlichkeit, mit der wir die heilsamen Samen in uns wässern, zuverlässig, aber ohne Verbissenheit. Den Unterschied macht selten die große Anstrengung eines einzigen Tages. Es sind die kleinen, wiederkehrenden Handlungen.

Die Meditation ist der Anfang meines Tages und zugleich der Ausgangspunkt für vieles, was danach folgt. Weitere Wege, Freude zu kultivieren, habe ich an anderer Stelle gesammelt; hier bleibe ich bei den drei Gewohnheiten, die mich täglich tragen.

Meine zweite Gewohnheit: bewusst Ja sagen

Die zweite Gewohnheit hat nichts mit Meditation zu tun. Sie beginnt mit einer einfachen Frage: Wofür möchte ich meine begrenzte Lebenszeit einsetzen?

Mehr Stunden als andere habe ich nicht. Meine Tage haben dieselben vierundzwanzig Stunden. Jedes Ja bedeutet deshalb zwangsläufig auch ein Nein.

Diese Erkenntnis hat mich in einer Lebensphase geprägt, in der Zeit mein knappstes Gut war. Ich hatte eine halbe Stelle an der Universität, eine weitere halbe Stelle in einer Frühförderpraxis und zusätzlich mehrere Lehraufträge an einer weiteren Hochschule. Erst kam ein Kind, dann das zweite und schließlich das dritte. Die Großeltern wohnten nicht in der Nähe, mein Mann war unter der Woche beruflich oft unterwegs, und damit wir überhaupt einen Betreuungsplatz bekamen, engagierten wir uns zusätzlich in einer Elterninitiative.

Eigentlich war immer zu wenig Zeit.

Damals traf ich eine Entscheidung, die mich bis heute begleitet: Ich will diese Jahre mit meinen Kindern nicht nur bewältigen. Ich will sie erleben. Und ich will mein Leben bewusst er-leben.

Das war auch ein bewusstes Gegenprogramm zu vielem, was ich selbst als Kind erlebt habe. Seitdem frage ich mich immer wieder: Woran werde ich mich später erinnern?

An manchen Tagen gibt es deshalb Tiefkühlpizza oder Pommes. Nicht, weil ich nicht kochen könnte oder nicht wüsste, wie wichtig eine gesunde Ernährung ist, sondern weil ich die halbe Stunde lieber aktiv mit meinen Kindern verbringe. Dann spielen wir Siedler, Monopoly oder Skyjo.

Bis heute treffe ich ähnliche Entscheidungen. Ich besuche unsere ältere, alleinlebende Nachbarin, obwohl mein Kalender voll ist. Ich engagiere mich ehrenamtlich an der Schule meiner Kinder. Dafür sage ich auch ganz bewusst Nein zu Dingen, die ebenfalls schön wären: zu einer Serie am Abend, durch die ich mich allein binge, zum Bügeln von Handtüchern und Unterwäsche (was als Jugendliche zu meinen Aufgaben gehörte) oder zu dem Anspruch, alles perfekt erledigt zu haben.

Das klingt vielleicht nach Kleinigkeiten. Für mich steckt genau darin die Haltung. Ein geputztes Fenster ist nach dem nächsten Regen wieder schmutzig. Gemeinsame Zeit, ein verlässlicher Besuch oder ein Engagement, das anderen zugutekommt, prägen dagegen Beziehungen und das eigene Leben oft weit über den einzelnen Moment hinaus.

Ordnung ist mir deshalb keineswegs egal. Auch ich freue mich über ein aufgeräumtes Zuhause. Ich frage mich nur immer wieder, woran ich mich am Ende meines Lebens erinnern möchte. Nach dieser Antwort versuche ich zu wählen.

Solche Entscheidungen wirken für sich genommen unscheinbar. Doch sie summieren sich. Aus vielen kleinen Jas und Neins entsteht mit der Zeit ein Leben. Solche kleinen, bewusst gesetzten Gesten sammeln sich mit der Zeit; hundert davon habe ich hier zusammengetragen.

Thich Nhat Hanh beschreibt sechs Übungen, die zum Glück führen: Geben, ethische Achtsamkeit, Herzensweite, Tatkraft, Meditation und Weisheit. Mit der ersten, dem Geben, meint er vor allem Immaterielles: Zeit, Aufmerksamkeit, Präsenz. Genau das verschenke ich, wenn ich Uno spiele, die Nachbarin besuche oder mich in der Schule engagiere. Und dabei beschenke ich nicht nur mein Gegenüber, sondern genauso mich.

Und ja, das ist das derselbe Grund, warum ich an einem heißen Sommertag trotzdem ins Freibad fahre. Ich höre dieselben Einwände meiner inneren Kritikerin wie alle anderen auch: keine Zeit, keine Bikinifigur, zu viel Müßiggang. Und entscheide bewusst anders. Der Grund ist nicht, dass bei mir alles leichter wäre. Ich habe gelernt, dass die Freude in dem Moment liegt, den ich jetzt gestalte, und nicht in dem, auf den ich warte.

Das Bild zeigt ein leeres Freibadbecken und eine blaue Rutsche.
Der frühe Vogel freut sich über ein fast leeres Freibad.

Meine dritte Gewohnheit: Freude einplanen

Seit fast drei Jahren schreibe ich zu Beginn jedes Quartals eine To-Want-Liste. Auf dieser Liste steht, was mir am Herzen liegt. Ich weiß nämlich, wie schnell das Leben voll wird. Mit Pflichten sowieso, vor allem aber mit all den kleinen Dingen, die sich wichtig anfühlen und am Ende doch nur dringend waren. Wer nicht aufschreibt, was ihm guttut, vergisst es zwischen zwei Terminen. Deshalb plane ich es fest ein und schreibe es auf..

Für den akuten schlechten Tag habe ich außerdem eine spontanere Sammlung: eine lange Liste kleiner Freuden, in die ich greifen kann, wenn gerade gar nichts mehr geht. Die To-Want-Liste ist das ruhigere Gegenstück dazu. Sie rettet nicht den einzelnen Moment, sie legt für ein ganzes Quartal fest, was zählt.

Lange bevor es die To-Want-Liste gab, habe ich eine Familientradition eingeführt. Vor jedem Ferienbeginn hängen wir ein großes Plakat auf. Darauf kommt alles, was wir in den Ferien machen wollen. „Einen Kuchen ganz allein backen“ stand da, eine Fahrradtour, die Übernachtung einer Freundin. Große Wünsche neben ganz kleinen, gleichberechtigt nebeneinander. Und immer, wenn wir etwas davon getan hatten, haben wir den Punkt eingekreist.

Dieses Einkreisen ist wichtiger, als es auf den ersten Blick aussieht. Es ist der Moment, in dem wir innehalten und merken: Das haben wir tatsächlich gemacht. Der Kreis um „Kuchen gebacken“ ist ein kleiner Beweis, schwarz auf weiß. Ein Freudenmoment, den wir sonst vielleicht übersehen hätten, wird für alle sichtbar und zählt.

Ich bin sicher, Thich Nhat Hanh würde das Einkreisen mögen. Er rät, schöne Momente bewusst festzuhalten und länger bei sich zu behalten, damit die heilsamen Samen tiefer wurzeln. Genau das tut so ein Kreis: Er lässt die Freude einen Moment länger da sein.

Meine To-Want-Liste bedeutet für mich, der Freude schon vorher einen Platz im Leben zu geben. Ich überlasse ihr nicht, ob sie zufällig zwischen Terminen und Verpflichtungen auftaucht, sondern entscheide vorher, was mir kostbar ist. Und das Einkreisen sorgt dafür, dass ich das Gelebte auch als gelebt verbuche.

Ankommen, statt woandershin zu wollen

In den buddhistischen Texten gibt es einen Begriff, der mich lange irritiert hat: Ziellosigkeit. Für Thich Nhat Hanh gehört er zu den drei Toren der Befreiung. Als ich ihn zum ersten Mal las, dachte ich: Wie soll ein Leben ohne Ziele aussehen?

Denn ich habe durchaus Ziele und will sie auch nicht aufgeben: Ich möchte ein Buch schreiben, entwickle Angebote, plane Reisen und überlege, was ich in den kommenden Monaten erleben möchte. Ziellosigkeit bedeutet für mich deshalb nicht, auf Pläne und Wünsche zu verzichten. Sie erinnert mich an etwas anderes: Ein Ziel darf meinem Leben eine Richtung geben, aber es sollte die Gegenwart nicht entwerten. Wenn ich erst zufrieden sein kann, sobald das Buch geschrieben oder das nächste Vorhaben gelungen ist, wird jeder erreichte Punkt sofort zur Startlinie für den nächsten.

Und genau hier hat sich für mich lange etwas widersprüchlich angefühlt. Ich kultiviere Freude ja ganz bewusst. Ich meditiere, treffe Entscheidungen, entwickle Gewohnheiten und richte meine Aufmerksamkeit aus. Ist das nicht schon wieder ein Ziel? Mache ich aus der Freude damit das nächste Projekt, an dem ich arbeite?

Diese Frage war für mich wichtig, weil ich Anstrengung gut kenne. Wenn ich mir etwas vornehme, kann ich sehr diszipliniert dranbleiben und durchhalten. Genau das hat mir im Leben oft geholfen. Aber dieselbe Fähigkeit kann auch dazu führen, dass selbst Freude zu einer Aufgabe wird.

Aufgelöst hat sich dieser Knoten durch einen feinen Unterschied: den zwischen Üben und Erzwingen.

Üben heißt, mich einer Erfahrung zuzuwenden, ohne ihren Ausgang festlegen zu wollen. Erzwingen bedeutet, nach einem Ergebnis zu greifen, das erst später kommen soll. Und genau dieses Greifen, sagt Thich Nhat Hanh, steht dem Glück im Weg. Je verbissener wir es verfolgen, desto weiter rückt es weg.

Ich kenne das gut. Solange ich Freude wie eine Aufgabe behandele, die sich abarbeiten lässt, bleibt sie aus. Sie kommt erst, wenn ich aufhöre, sie einzufordern, und stattdessen einfach übe. Bei Thich Nhat Hanh klingt das so: Wenn wir loslassen und uns entspannen, stellt sich das, wonach wir gesucht haben, oft von selbst ein.

So gehören Gewohnheit und Ziellosigkeit zusammen. Die Gewohnheit ist das Gefäß, das ich Tag für Tag bereitstelle. Die Ziellosigkeit ist die Haltung dabei: Ich stelle es hin, ohne zu verlangen, dass es sich sofort füllt. So schaffe ich die Bedingungen für Freude und überlasse ihr, wann sie kommt.

Ich verstehe Ziellosigkeit heute als die Fähigkeit, unterwegs nicht ständig auf die Ankunft zu warten. Mein Leben ist kein Vorraum, den ich durchquere, bis endlich das Eigentliche beginnt. Ich brauche keinen besseren Moment als diesen.

Ein Herz, das weit genug ist

Es gibt Menschen, bei denen ich mühelos freundlich und offen bleibe. Und es gibt Menschen, bei denen schon eine Kleinigkeit genügt, damit sich innerlich Widerstand regt. Dann denke ich, oft ganz unbemerkt: Wenn sie sich anders verhalten würden, könnte ich auch entspannter oder wohlwollender sein.

Genau an diesem Punkt berührt mich eine Übung von Thich Nhat Hanh tief. Sie heißt kshanti und wird meist mit Geduld übersetzt. Ich finde, das führt in die Irre. Geduld klingt nach Zähne zusammenbeißen, nach Aushalten. Gemeint ist etwas anderes.

Thich Nhat Hanh verwendet zur Veranschaulichung ein eindrückliches Bild. Gib eine Handvoll Salz in ein Glas Wasser, und das Wasser wird ungenießbar. Gib dieselbe Handvoll in einen klaren Fluss, und Menschen und Tiere können weiter daraus trinken. Das Salz ist gleich geblieben. Verändert hat sich nur die Weite dessen, was es aufnimmt.

So verstehe ich heute auch Beziehungen. Mein Gegenüber wird nicht plötzlich einfacher. Die schwierige Situation verschwindet nicht. Wenn mein Herz weiter wird, muss ich aber nicht länger darauf warten, dass der andere sich zuerst verändert. Es entsteht Raum. Raum für das, was ich noch nicht verstehe. Raum für das, was mich verletzt hat. Und manchmal wächst aus genau diesem Raum Mitgefühl.

Deshalb warnt Thich Nhat Hanh auch davor, Geduld mit Anstrengung zu verwechseln. Wenn ich mich nur zusammenreiße, während innerlich alles eng bleibt, erschöpft mich das. Weite entsteht nicht durch Unterdrücken. Sie wächst aus Verstehen.

Für mich gehört diese Übung unmittelbar zur Freude. Ein Herz, das ständig mit Widerstand beschäftigt ist, hat wenig Platz für Leichtigkeit. Deshalb versuche ich in solchen Momenten zuerst langsamer zu werden. Ich schlafe ein Nacht drüber, bevor ich auf eine unverschämte Email antworte. Oder ich frage mich: Was könnte ich über diesen Menschen noch nicht verstanden haben? Ich versuche mich immer wieder daran zu erinnern, wie oft andere Geduld mit mir hatten. Und manchmal praktiziere ich ganz bewusst die Mitgefühlsmeditation für jemanden, mit dem ich gerade ringe.

Nicht immer gelingt mir das. Bei weitem nicht. Aber jedes Mal, wenn es gelingt, wird etwas weiter. Der andere muss dafür gar nicht anders werden. Es reicht, wenn mein Herz es tut.

Wo Beziehungen gelingen, gelingt das Leben

Bis hierher könnte Freude wie eine Einzeldisziplin klingen: mein Meditationskissen, meine To-Want-Liste, die Entscheidungen, die ich treffe. Doch Thich Nhat Hanh beschreibt einen weiteren Weg, Glück zur Gewohnheit werden zu lassen. Er beruft sich dabei auf einen Satz des Buddha: Mit weisen Menschen zusammenzuleben sei das größte Glück.

Überrascht hat mich dieser Satz nicht; er beschreibt, was ich seit Jahren erlebe. Weise meint dabei nicht klug oder belesen, sondern Menschen, die Neugier, Offenheit, Wohlwollen und Lebendigkeit in sich stärken. Denn die Menschen, mit denen ich Zeit verbringe, prägen mich.

Manche Begegnungen lassen mich leichter, freundlicher und weiter werden. Andere hinterlassen mich erschöpft, gereizt oder voller Sorgen. Ich nehme viel mehr von meiner Umgebung auf, als mir im Alltag bewusst ist.

Thich Nhat Hanh erklärt das mit dem kollektiven Bewusstsein. Was in den Menschen um mich herum lebt, sickert ständig in mich ein. Bin ich von Menschen umgeben, die Angst, Ärger oder Zynismus nähren, wächst etwas davon auch in mir. Bin ich mit Menschen zusammen, die Mitgefühl, Freude und Achtsamkeit üben, werden genau diese Qualitäten in mir gestärkt.

Deshalb nährt mich nicht jede Gemeinschaft. Manche Runden drehen sich immer wieder um dieselben Beschwerden, dieselben Konflikte und dieselbe Erschöpfung. Andere tragen mich. Nicht, weil dort alles harmonisch wäre, sondern weil wir etwas teilen, das tiefer geht als Sympathie: eine gemeinsame Ausrichtung auf ein wacheres, freundlicheres Leben.

Solche Gemeinschaften haben mein Leben verändert. Da ist ein fester Kreis von Frauen, mit denen ich mich regelmäßig treffe – früher mit unseren Kindern, heute immer öfter ohne sie. Beim 30-jährigen Abitreffen letztes Jahr sind alte Freundschaften aus Grundschultagen wieder lebendig geworden. Und meine beste Freundin ist in diesem Jahr Firmpatin meiner ältesten Tochter geworden. Für all das bin ich sehr dankbar.

Am stärksten habe ich das in meiner Weiterbildung in kontemplativer Psychologie erlebt. Hier sind Menschen zusammengekommen, die dieselbe Sehnsucht zusammengeführt hat. Wir treffen uns einmal im Monat online und einmal im Jahr für ein gemeinsames Wochenende. Wenn wir dort zusammen meditieren und andere achtsame Praktiken üben, entsteht etwas, das ich allein nicht herstellen kann. Das Zusammensein bekommt eine andere Qualität. Ich spüre dann sehr deutlich: Freude ist nicht nur etwas, das in mir entsteht. Sie wächst auch zwischen Menschen.

Deshalb muss ich nicht jedes Mal bis zum nächsten Seminar warten. Ich kann diese Erfahrungen mit in meinen Alltag, in meine anderen Beziehungen nehmen. Über meiner Arbeit steht der Leitsatz: Wo Beziehungen gelingen, gelingt das Leben. Heute würde ich ergänzen: Freude gelingt ebenfalls selten allein. Sie wächst in Beziehungen.

Was ich mir wünsche, dass du mitnimmst

Wenn du bis hierher gelesen hast und dich in dem funktionierenden, aber freudlosen Menschen wiedererkannt hast, dann möchte ich dir drei Dinge mitgeben. Es sind die drei Dinge, die für mich den Unterschied gemacht haben.

Das erste: Ich muss es tun. Nicht noch mehr darüber lesen, nicht noch einen Ratgeber, nicht noch ein Konzept. Tun. Die Freude, die ich mir wünsche, entsteht durch die nächste kleine Handlung, die ich wiederhole, bis sie mir in Fleisch und Blut übergeht.

Das zweite: Wenn ich nicht weiß, wie, dann darf ich mir Begleitung suchen. Das ist kein Eingeständnis von Schwäche. Manche Wege gehen wir ein Stück allein. Für andere brauchen wir Menschen, die schon dort waren, wo wir gerade stehen. Das habe ich selbst erlebt. Sich diese Begleitung zu holen, ist selbst schon eine Form, sich für die Freude zu entscheiden.

Und das dritte, das für mich alles zusammenhält: Ich habe fast immer die Wahl. Nicht immer, das wäre gelogen. Es gibt Umstände, die sich nicht wählen lassen. Aber sehr viel öfter, als wir glauben, haben wir Gestaltungsspielraum. Nicht über alles, was uns widerfährt. Wohl aber darüber, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, welche Gewohnheiten wir pflegen und wofür wir unsere Zeit einsetzen.

Wählen ist ein Verb, ein Tun. Freude stellt sich selten einfach ein, indem ich passiv auf sie warte wie auf einen glücklichen Zufall. Ich richte meine Aufmerksamkeit immer wieder auf das, was sie nähren kann, und treffe Entscheidungen, die ihr Raum geben. Mit der Zeit wird daraus eine Gewohnheit. Und diese Gewohnheit verändert, wie ich meinen Alltag erlebe.

Meine Kinder werden sich später sicher nicht an den unkrautfreien Vorgarten oder die geputzten Fenster erinnern. An das Gefühl nach der x-ten Runde Uno nach der Tiefkühlpizza hoffentlich schon. Und ich mich auch.

Welche kleine Freude wählst du heute? Schreib sie gern in die Kommentare – oder nimm sie dir einfach vor!

Dieser Text erzählt meinen persönlichen Weg. Wenn dich eine tiefe Freudlosigkeit begleitet, die bleibt, nimm das ernst und suche dir bitte therapeutische Unterstützung; ein Blogartikel kann das nicht ersetzen.

Für den Weg dagegen, Freude Schritt für Schritt einzuüben, tut Begleitung oft gut. Genau darin unterstütze ich Menschen in meiner Praxis, in enger eins zu eins Begleitung.

Pia Hübinger

12 Wochen · Einzelbegleitung · Deep Dive

Vertrauensvoll voran

Für Menschen 40+, die erschöpft sind und trotzdem nicht aufhören zu funktionieren.

Du gibst alles. Und es reicht nie. Du bist erschöpft, schläfst schlecht und fragst dich insgeheim, warum andere das irgendwie besser hinkriegen.

Das liegt nicht an dir. Dein System läuft seit Jahren auf Anschlag.

Das ist mein Leben. Nicht nur meine To-do-Liste.

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Ich bin Diplompädagogin, psychologische Beraterin und Karuna-Trainerin im Rhein-Sieg-Kreis.

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Da Beziehungen überall dort eine Rolle spielen, wo sich Menschen begegnen, arbeite ich sowohl mit Einzelpersonen, Paaren und Familien als auch mit Kindergärten, Schulen und Unternehmen.

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