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Iss auf – oder iss achtsam? Was Interbeing über die Wertschätzung von Lebensmitteln lehrt

Wertschätzung von Lebensmitteln: Rosinen in einer Schale mit Zimt. Es trägt den Titel: Iss auf oder iss achtsam?

Im Spätsommer roch die Erde nach nassem Kartoffelkraut, und meine Finger waren schwarz bis unter die Nägel. Meine Großeltern hatten eine kleine Landwirtschaft, und als Kind war ich oft mit auf dem Feld: Kartoffeln aus der Erde klauben, Rüben ziehen, Heu einfahren. Ich mochte diese Zeit. Das Draußensein, die Erde an den Händen, die Tiere im Stall, das Gefühl, dazuzugehören und gebraucht zu werden.

Neben dem Haus gab es einen Garten und außerhalb des Dorfes noch einen zweiten, den Gemüsegarten. Wenn der Kohlrabi reif war, gab es Kohlrabi. Jeden Tag, auf die immer gleiche Weise, bis keiner mehr im Beet stand. Das war meine Kindheit. Wertschätzung von Lebensmitteln war darin kein abstraktes Konzept. Sie gehörte zum Alltag, ohne dass jemand große Worte darum gemacht hätte. Man wusste, wie viel Arbeit in einer Kartoffel steckt. Man sah, dass eine Gurke nicht einfach im Kühlschrank erscheint. Man aß, was da war, weil es da war.

Anke Cras fragt in ihrer Blogparade: „Was bedeutet Wertschätzung von Lebensmitteln für dich?“ Sie ist Tierärztin und lebt auf einem Bauernhof mit Milchkühen. Ihr Blick beginnt dort, wo Lebensmittel entstehen: bei den Tieren, auf dem Feld, bei der täglichen Arbeit, lange bevor etwas auf dem Teller liegt.

Mir ist diese Welt nicht fremd. Doch schaue ich heute von einer anderen Seite auf diese Frage: aus der kontemplativen Psychologie, aus der Achtsamkeit und aus der Erfahrung, wie sehr Wertschätzung mit Zugehörigkeit zu tun hat. Deshalb hat mich Ankes Thema so unmittelbar angesprochen. Weil es für mich im Kern um Beziehung geht.

Um die Beziehung zu mir selbst, zu meinem Körper, zu anderen Menschen. Aber auch um die Beziehung zu unserem Planeten, zur Erde. Und zu dem, was mich nährt.

Für mich entscheidet sich Wertschätzung nicht erst am lEsstisch vor dem gefüllten Teller. Sie beginnt früher. Im Innehalten. In dem kleinen Moment, bevor ich esse. In der Frage, was alles geschehen musste, damit dieses Essen jetzt vor mir steht. Und manchmal auch in der Frage, welche alten Geschichten mit am Tisch sitzen, während ich den ersten Bissen nehme.

Der leere Teller war eine Lüge

Als Kind habe ich gelernt, dass Wertschätzung heißt: aufessen. Egal, was auf dem Teller lag, egal, ob mir schlecht wurde. An manchen Tagen saß ich stundenlang am Tisch, weil ich nicht aufstehen durfte, bevor der Teller leer war. Das Fleisch war oft so zäh, dass ich es nicht schlucken konnte. Ich behielt den zerkauten Klumpen im Mund, und ich fühle ihn heute noch, diesen zähen Batzen, der einfach nicht hinunterwollte.

Am schlimmsten war die Fleischbrühe. Die gab es sonntags, und ihre Reste musste ich montags nach der Schule allein essen, während meine Mutter mit meinen Schwestern Mittagsschlaf hielt. Die Suppe war längst kalt, darin schwammen Fleischfasern und, schlimmer noch, große Fettaugen auf der erkalteten Oberfläche. Aufwärmen war nicht vorgesehen. Also saß ich davor und dachte mir eine Strategie nach der anderen aus, wie ich sie hinunterbekäme. Manchmal traute ich mich, die Suppe aus dem gekippten Dachfenster zu schütten. Aber meistens überwog meine Angst erwischt zu werden.

„Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ Was als Respekt vor dem Essen gemeint war, hat mir beigebracht, meinem eigenen Sättigungsgefühl zu misstrauen. Und das ist eine teure Lektion, die viele ein Leben lang mit sich tragen.

Fleisch war damals eine Delikatesse. Auch wenn nicht jeden Tag ein Stück auf dem Teller lag, wurde vieles mit Speck angebraten oder mit Schinken verfeinert, dazu die Wurst aus eigener Schlachtung, Schwartenmagen und Blutwurst. Seit 38 Jahren bin ich nun Vegetarierin, zwei meiner Kinder sind es auch. Für Vegetarier hatte man damals wenig übrig und so aß ich während meiner Jugendzeit überwiegend Beilagen: Kartoffeln ohne Soße, trockenen Reis, Gemüse und Salat.

Mit dem Leben in der Stadt hat sich mein Essen stark verändert: der Zugang zu internationalen Küchen, allen voran die indische, die so wunderbar vegetarisch ist, hat mir eine neue kulinarisch reichhaltige Welt eröffnet. Geblieben ist die Wertschätzung. Essen wegwerfen ist mir bis heute zuwider.

Aber zum Aufessen zwinge ich weder mich noch meine Kinder. Bei uns gilt eine andere Regel: Nimm dir lieber etwas weniger, als du glaubst zu schaffen. Du kannst dir so oft du willst nachnehmen. Wenn doch etwas übrig bleibt, deckst du den Rest ab und stellst ihn in den Kühlschrank, dann ist er morgen noch da.

Bei kleinen Kindern war das ein Drahtseilakt, weil meine oft alles spannender fanden als das Essen und nach einem Löffel schon wieder aufspringen wollten. Da habe ich sanft an den Tisch genötigt, ohne den Teller zum Feind zu machen. Ich koche nichts, von dem ich weiß, dass sie es nicht mögen. Ich sage ihnen aber auch, dass man ruhig mal etwas essen darf, das gerade nicht supergut schmeckt, vor allem, wenn es einem eine Woche zuvor noch geschmeckt hat. Wichtiger als jede Regel sind mir ohnehin die Gespräche – für ihren Geschmack vermutlich zu viele – darüber, wie viel Arbeit in einem Lebensmittel steckt, bis es angebaut, geerntet und gekocht vor uns auf dem Tisch steht.

Interbeing: Wer unsichtbar mit am Tisch sitzt

In der buddhistischen Psychologie gibt es einen Begriff, der für mich alles zusammenhält: Interbeing, das Zwischen-Sein. Thich Nhat Hanh, der vietnamesische Zen-Meister, hat ihn geprägt. Die Idee ist einfach und tief zugleich: Nichts existiert für sich allein. In einem Stück Brot steckt das Korn, der Regen, die Sonne, die Erde und die Arbeit unzähliger Hände.

Bevor ich esse, halte ich manchmal einen Moment inne und denke an all die Menschen, ohne die dieses Essen nicht vor mir läge. An die Landwirtinnen und Landwirte, die es angebaut haben. An die Erntehelfer, oft gebückt in der Hitze. Und auch an die Fahrer, die es durch die Nacht transportiert haben, an die Hände, die es verpackt haben, an die Menschen im Supermarkt, die es eingeräumt, den Boden gewischt, mich an der Kasse angelächelt haben. Bei tierischen Produkten geht Thich Nhat Hanh noch weiter, und ich mit ihm: Der Dank gilt auch denen, die morgens um fünf aufstehen und die Kühe melken, den Tierärztinnen, die ein Kälbchen mit auf die Welt bringen, den Landwirten, die keinen Urlaub kennen. Und den Bananenbauern, die unter widrigsten Bedingungen arbeiten, damit bei uns schöne, gerade, gleichmäßige Bananen im Regal liegen.

Dieses Innehalten hatte bei uns lange eine feste Form. Als meine Kinder klein waren, haben wir vor dem Essen immer einen Tischspruch gesagt, und wir haben ihn oft variiert. Das immergleiche „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast“ aus meiner eigenen Kindheit war für mich abgenutzt und verbrannt, zu oft heruntergeleiert, um noch irgendetwas zu berühren. Unsere Sprüche in der Kleinkind- und Grundschulzeit feierten eher die Freude, den Dank und das Beisammensein, zum Beispiel:

„Viele kleine Fische schwimmen jetzt zu Tische, reichen sich die Flossen, dann wird schnell beschlossen, nicht mehr lang zu blubbern, sondern schnell zu futtern.“

Noch deutlicher wird die Wertschätzung für mich in den Sätzen von Thich Nhat Hanh. Seine Tradition, das Kloster Plum Village, hat diese Haltung in fünf feste Sätze gegossen, die Fünf Betrachtungen vor dem Essen. Man liest sie still oder laut, bevor der erste Bissen den Mund erreicht:

Diese Nahrung ist ein Geschenk der Erde, des Himmels, zahlreicher Lebewesen und das Ergebnis von viel Liebe und Mühe.

Mögen wir mit Achtsamkeit und Dankbarkeit essen, um uns dieses Geschenkes würdig zu erweisen.

Mögen wir unheilsame Geistesgebilde erkennen und verwandeln, insbesondere unsere Gier, und lernen maßvoll zu essen.

Mögen wir unser Mitgefühl aufrechterhalten, indem wir so essen, dass wir das Leiden der Lebewesen verringern, nicht mehr zum Klimawandel beitragen und unseren wertvollen Planeten heilen und bewahren.

Wir nehmen dieses Essen an, um mit unseren Brüdern und Schwestern in Harmonie zu leben, unsere Sangha erblühen zu lassen, und um unser Ideal zu nähren, allen Lebewesen zu helfen

Fünf Betrachtungen vor dem Essen, übersetzt von Thomas Barth

Ich denke nicht jeden Tag an diese fünf Betrachtungen. Aber wenn ich es tue, wird aus einem schnellen Mittagessen ein kurzes Innehalten, und ich schmecke plötzlich, was sonst an mir vorbeirauscht.

Wenn ich an all diese Menschen denke und ihnen danke, ehre ich das Essen. Aber es geschieht noch etwas anderes: Ich spüre, dass alles mit allem verbunden ist, ich selbst eingeschlossen. Dieses Gefühl ist ein Gegenmittel gegen das moderne Empfinden, abgetrennt zu sein, für sich, allein. Und ich bin überzeugt: Lebensmittelverschwendung entsteht aus genau dieser Abgetrenntheit. Wer nicht spürt, wie viele Leben in einer Mahlzeit stecken, kann sie leichter wegwerfen.

Am schwersten fällt mir das beim Fleisch. Fleischreste wegzuwerfen ist für mich das Schlimmste, denn dann ist ein Tier völlig umsonst gestorben. Es hat umsonst gelitten, hatte umsonst Todesangst. Wer das mitdenkt, trifft andere Entscheidungen beim Kauf und Konsum von tierischen Nahrungsmitteln.

Wenn Wertschätzung kippt

Da ist noch ein Aspekt, der in Zusammenhang mit diesem Thema selten betrachtet wird, und ich will ihn nicht auslassen. Jahrelang habe ich Psychologie an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln gelehrt und dabei viele angehende und ehemalige Tänzerinnen und Tänzer beraten. Ich habe unzählige Essstörungen gesehen, von Erfahrungen gehört, die mir bis heute nahegehen. Denn Wertschätzung kann kippen. Aus Achtsamkeit kann Kontrolle werden, aus Bewusstheit Angst, aus Respekt Selbstkasteiung.

Fast alle meine damaligen Studierenden hatten irgendwann in ihrem Leben eine Phase mit einer Essstörung, manche akut, bei anderen lag sie Jahre zurück. Und bei allen war Essen ein großes Thema. Oft ging es um die Disziplin, gar nichts oder nur sehr wenig zu essen. Manchmal, nicht in jedem Fall, kippte diese eiserne Kontrolle in ihr Gegenteil, in Phasen der Gier, des Überessens und des anschließenden Erbrechens. Was von außen wie fehlende Willenskraft aussieht, ist oft der Rückschlag eines viel zu straff gespannten Seils.

Was mich am meisten beschäftigt hat, ist das Muster dahinter. Sehr häufig, wenn auch nicht immer, waren diese Menschen als Kinder und Jugendliche stark kontrolliert worden, von wichtigen Bezugspersonen, und nicht immer beim Essen oder beim Gewicht. Manchmal betraf die Kontrolle ganz andere Bereiche ihres Lebens. Der Körper und das Essen wurden dann zu dem einen Feld, auf dem sich ein Mensch die Kontrolle zurückholte, die ihm anderswo genommen wurde. Und hier schließt sich für mich ein bitterer Kreis: Auch der Zwang, den Teller leer zu essen, ist Kontrolle. Wertschätzung, die zur Vorschrift wird, kann genau das anrichten, wogegen sie sich eigentlich richtet.

Eine allgemeingültige Lösung habe ich bis heute nicht gefunden, und ich misstraue jedem, der behauptet, er hätte sie. Aber ich weiß eines: Echte Wertschätzung richtet sich nie gegen den eigenen Körper. Sie zwingt nicht und zählt keine Kalorien wie Sünden. Sie ist weich und wach zugleich. Genau darin liegt der Unterschied zwischen achtsamem Essen und Selbstoptimierung.

Und wenn die Gurke trotzdem vergammelt

Ich lebe seit Jahrzehnten mit dieser Haltung, und trotzdem finde ich hin und wieder ganz hinten im Kühlschrank eine vergammelte und vergessene Gurke. Früher bin ich dafür hart mit mir ins Gericht gegangen. Heute gehe ich anders damit um, und das hat mit meiner Arbeit als Trainerin für Mitgefühl zu tun.

Selbstmitgefühl bedeutet, sich mit derselben Freundlichkeit zu behandeln, die man einer guten Freundin, einem engen Freund, entgegenbringen würde. Das ist kein Freibrief, alles schleifen zu lassen. Aber wer sich für jede weggeworfene Gurke innerlich anklagt, erzeugt vor allem Scham. Und Scham ist eine schlechte Ratgeberin: Sie lähmt, statt zu verändern. Ich schaue die Gurke also an, bin innerlich dankbar, dass sie da war, nehme mir vor, den Kühlschrank am Wochenende gründlicher durchzusehen, und lasse es dann gut sein. Wertschätzung ist keine Perfektion. Wenn sie sich in Selbstvorwürfe verkehrt, ist sie nur die alte Strenge in neuem Gewand.

Eine Rosine, langsam

Achtsam essen heißt für mich: langsam, ohne Ablenkung, ohne Handy, mit Dankbarkeit. Ich bin überzeugt, dass darin ein Schlüssel liegt, nicht nur gegen Verschwendung, sondern auch für ein gesünderes Verhältnis zum eigenen Körper.

Wenn du magst, probier es einmal aus, mit einer einzigen Rosine! Nimm sie in die Hand und schau sie an, als hättest du noch nie eine gesehen. Ihre Falten, das Licht darauf, das Gewicht. Roll sie zwischen den Fingern, rieche daran. Leg sie auf die Zunge, ohne zu kauen, und warte. Und dann, ganz langsam, ein Biss, ein zweiter, und spüre, was passiert. Die meisten Menschen sind überrascht, wie viel in einer Rosine steckt, wenn man sie wirklich bewusst mit allen Sinnen wahrnimmt.

Vielleicht geht es am Ende genau darum: wieder in Beziehung zu kommen.

Zu meinem Körper, der spürt, was ihm guttut. Zu dem Essen, das vor mir steht. Zu den Menschen, die gesät, gepflegt, geerntet, transportiert, verkauft und gekocht haben. Zu den Tieren, den Pflanzen, dem Boden, dem Regen, der Sonne.

Essen ist nie nur Essen. Es ist eine Verbindung zwischen mir und der Welt, die mich nährt. Wenn ich diese Verbindung ernst nehme, verändert sich mehr als mein Einkaufszettel oder mein Umgang mit Resten. Dann wird aus Essen wieder etwas, das mich erinnert: Ich lebe nicht allein. Ich bin gehalten von unzähligen Beziehungen, sichtbaren wie unsichtbaren. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Nahrung.


Jetzt interessiert mich deine Perspektive: Was bedeutet Wertschätzung von Lebensmitteln für dich?

Denkst du dabei zuerst an Tiere, an Felder, an Menschen, an deinen Körper, an Kindheitserinnerungen, an Verschwendung, an Dankbarkeit – oder an etwas ganz anderes?

Schreib mir gern in die Kommentare. Ich freue mich auf deine Gedanken, Erinnerungen und Geschichten

One response to “Iss auf – oder iss achtsam? Was Interbeing über die Wertschätzung von Lebensmitteln lehrt”

  1. Avatar von Anke Cras

    Liebe Pia!
    Ein toller Beitrag zu meiner Blogparade. Ich kann mich in vielen Aussagen deines Artikels wiederfinden.
    Die fünf Betrachtungen vor dem Essen werde ich bei uns am Tisch auch mal vorstellen und durch das Gebet ersetzen. Wie du schreibst, wird es auch bei uns so runtergerattert, ohne darüber nachzudenken. Da wird eine Alternative das Nachdenken vielleicht anregen.
    Danke für deinen Denkanstoss!
    Liebe Grüße
    Anke

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Ich bin Diplompädagogin, psychologische Beraterin und Karuna-Trainerin im Rhein-Sieg-Kreis.

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