Als ich die Einladung zu dieser Blogparade las, blieb mein Blick nicht zuerst am Thema hängen, sondern an einer Zahl. 108.
Hundert wäre runder und irgendwie naheliegender gewesen. Aber 108 ist eine Zahl, die Menschen seit Jahrtausenden beschäftigt. Sie ist die Zahl der Perlen einer Mala, jener Kette, mit der im Yoga und im Buddhismus gezählt und meditiert wird – eine volle Umrundung, ein ganzer Zyklus, bis der Faden wieder am Anfang ankommt. Im Buddhismus steht sie zugleich für die 108 menschlichen Verstrickungen: die Begierden, Anhaftungen und Gewohnheiten, die uns davon abhalten, frei zu leben. In Japan läuten die Tempelglocken in der Silvesternacht 108 Mal, einmal für jede dieser Verstrickungen, um mit klarem Herzen ins neue Jahr zu gehen. Im Yoga werden zu besonderen Anlässen oft 108 Sonnengrüße praktiziert.
Was mich an ihr aber am meisten fasziniert, ist ihre doppelte Natur: Sie ist ganz klein und ganz groß zugleich. Sie passt als Gebetskette in eine Hand – und sie spannt sich über den ganzen Himmel. Die Sonne ist ungefähr 108 Mal so groß wie die Erde, und sie steht ungefähr 108 Sonnendurchmesser von uns entfernt. Auch der Mond ist etwa 108 Monddurchmesser weit weg. Das sind gerundete Werte, aber sie sind doch verblüffend nah dran. Sogar in ihrer Rechenform trägt sie eine stille Ordnung: 108 ist 1 × 2 × 2 × 3 × 3 × 3, als erzählte sie von der Einheit über die Vielheit bis zur Gestalt.
Ob Zufall, Mathematik oder Symbolik – die Zahl scheint Menschen seit Jahrhunderten daran zu erinnern, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind. Für mich steht die 108 damit für das Menschsein in all seiner Widersprüchlichkeit. Für Sehnsucht und Angst, Hoffnung und Irrtum, Festhalten und Loslassen. In dieser einen Zahl klingt an, worum es mir im Leben geht: dass das Innerste und das Weiteste zusammengehören, dass sich das Große im Kleinen spiegelt. Die 108 erzählt keine Geschichte von Perfektion. Sie erzählt von einem Weg.
Diese Liste ist mein Beitrag zur Blogparade »108 Dinge, die du noch erleben, lernen und bewirken willst« von Marianna Sajaz.
Eines möchte ich vorwegschicken: Das hier ist keine Bucket-List im eigentlichen Sinne. Keine Aufzählung von Dingen, die ich besitzen oder unbedingt sehen oder machen will, bevor mein Leben endet. Davon gibt es auch ein paar. Aber hier will ich lieber davon erzählen, worauf ich hoffe, was ich noch lernen und bewahren will und wozu ich beitragen möchte.
Je älter ich werde, desto häufiger denke ich darüber nach, wie begrenzt unsere Lebenszeit eigentlich ist. Und das gar nicht düster. Gerade die Vergänglichkeit macht das Leben für mich kostbar. Sie ist keine Drohung, sondern eine Einladung, genauer hinzuschauen und sich bewusst auszurichten.
Worauf möchte ich meine begrenzte Lebenszeit verwenden?
Was möchte ich noch lernen und was verlernen?
Was möchte ich bewirken und beschützen?
Und wofür möchte ich einmal in Erinnerung bleiben?
Vielleicht besteht ein gutes Leben gar nicht darin, möglichst viele Wünsche zu erfüllen, sondern darin, sich immer wieder daran zu erinnern, in welche Richtung das eigene Herz zeigt. Natürlich werde ich längst nicht alle 108 Wünsche verwirklichen können. Vielleicht ist genau das der Sinn: nicht anzukommen, sondern unterwegs zu bleiben.
Weil sich für mich am Ende alles um Beziehungen dreht – zu mir selbst, zu anderen, zur Welt und zum Leben an sich – ist auch meine Liste danach geordnet. Wo Beziehungen gelingen, gewinnt das Leben gleichzeitig an Weite und Tiefe. Ich habe die 108 in acht Bewegungen sortiert, acht Verben, die für mich zusammengehören: staunen, lernen, lieben, wagen, bewirken, beschützen, loslassen und hinterlassen.
Die Inhalte dieses Blogartikels:
ToggleIch möchte staunen
Staunen ist für mich eine Form der Demut. In dem Moment, in dem ich wirklich staune, höre ich auf, das Leben kontrollieren zu wollen. Ich werde wieder Teil von etwas, das größer ist als ich selbst.
- Einen Sternenhimmel sehen, der mir den Atem raubt.
- Einmal Polarlichter über mir tanzen sehen.
- Bei Sonnenaufgang schweigend mit anderen meditieren.
- Mehrere Wochen am Meer leben und dem Rhythmus der Gezeiten zuhören.
- Einen ganzen Sommer fast vollständig draußen verbringen.
- Die alte Seidenstraße bereisen und den Geschichten, Kulturen und Menschen entlang ihres Weges begegnen.
- Einen Pilgerweg gehen und erleben, wie mit jedem Tag weniger wichtig wird, was ich zurückgelassen habe.
- Den Amazonas mit eigenen Augen sehen.
- Mit Menschen aus allen Kontinenten in einem Kreis sitzen.
- Die Fähigkeit behalten, mich von kleinen Dingen glücklich machen zu lassen.
- Mit achtzig noch genauso neugierig sein wie heute.
- Mich immer wieder von Weisheit berühren lassen egal, wo ich ihr begegne.
- Noch oft das Gefühl haben: Genau hier möchte ich gerade sein.
- Nie aufhören, Tränen zu lachen.
Ich möchte lernen (und verlernen)
Früher dachte ich, Lernen bedeutet immer, etwas hinzuzufügen. Heute glaube ich, dass es gerade in der zweiten Lebenshälfte oft darum geht, Schicht für Schicht abzulegen: alte Überzeugungen, unnötige Ängste, Geschichten über mich selbst, die längst nicht mehr stimmen.
- Schönheit selbst in schweren Zeiten nicht aus den Augen verlieren.
- Weniger recht haben müssen.
- Mehr Fragen stellen als Antworten geben.
- Geduld mit Veränderungsprozessen haben – auch mit meinen eigenen.
- Meinem Körper früher zuhören, nicht erst, wenn er lauter wird.
- Den Mut finden, langsamer zu werden.
- Vögel an ihrem Gesang erkennen.
- Den Mut behalten, an das Gute im Menschen zu glauben.
- Verlernen, dass mein Wert von meiner Leistung abhängt.
- Lernen, Älterwerden nicht nur als Privileg zu erkennen, sondern es auch im Herzen zu fühlen.
- Verlernen, mich mit anderen zu vergleichen.
- Verlernen, dass Wachstum immer schneller und mehr bedeuten muss.
- Meine Verletzlichkeit nicht länger verstecken müssen.
Ich möchte lieben
Alles, was in meinem Leben wirklich Bedeutung hat, ist in Beziehung entstanden. Liebe ist für mich deshalb kein Gefühl, sondern eine Art, in der Welt zu sein – aufmerksam, zugewandt und bereit, mich berühren zu lassen.
- Mit meinem Partner alt werden.
- Mit jedem meiner Kinder einzeln verreisen.
- Die Hochzeit meiner Kinder erleben, sollten sie heiraten wollen.
- Mit jedem Kind eine eigene, kleine Tradition entwickeln.
- Ein Familienkochbuch schreiben und unsere Rezepte bewahren.
- Die Geschichten meiner Eltern bewahren, solange sie sie noch erzählen können.
- Meinen Kindern zeigen, dass Arbeit Freude machen darf.
- Einen Frauenkreis aufbauen, der über viele Jahre trägt.
- Einen Menschen bis zuletzt begleiten und seine Hand halten, wenn er geht.
- Dass Menschen ihre Geschichte erzählen, statt sich für sie zu schämen.
- Einen Beitrag dazu leisten, dass Einsamkeit in unserer Gesellschaft weniger wird.
- Erleben, dass wieder mehr Vertrauen zwischen Menschen wächst.
- Ein zerrüttetes Verhältnis wieder heilen, das alle anderen längst aufgegeben haben.
- Einen Ort schaffen, an dem Generationen selbstverständlich voneinander lernen.
Ich möchte wagen
Mut beginnt für mich selten mit großen Heldentaten. Er beginnt dort, wo ich aufhöre, mein Leben an der Wahrscheinlichkeit des Gelingens zu messen, und anfange, auf das zu hören, was sich wahr anfühlt. Das größte Risiko ist nicht zu scheitern, sondern sich gar nicht erst auf den Weg zu machen.
- Einen TED Talk halten.
- Ein Buch schreiben, das noch lange gelesen wird.
- Einen Blogartikel veröffentlichen, der Menschen noch berührt, wenn ich längst vergessen habe, dass ich ihn geschrieben habe.
- Ein eigenes Retreat in der Bretagne anbieten.
- „Speaking from the Heart“ als Resonanzraum bekannter machen.
- Weniger gefallen wollen.
- Frauen Mut machen, sich nicht kleiner zu machen, als sie sind.
- Mutiger mit Menschen ins Gespräch gehen, auch wenn wir verschiedener Meinung sind.
- Menschen Hoffnung schenken, ohne ihre Probleme kleinzureden.
- Immer noch mehr aus Liebe handeln und weniger aus Angst.
- Jungen Frauen weitergeben, dass ihre Stimme genauso zählt.
- Die Stimme erheben, wo Frauen und Schwächere übergangen werden – auch wenn es unbequem ist.
- Immer wieder den Mut haben, mein Leben zu verändern, wenn es nicht mehr zu mir passt.
Ich möchte bewirken
Schon lange habe ich aufgehört zu glauben, dass wir die Welt nur durch große Taten verändern. Ich sehe es immer wieder in meiner Arbeit: wie sich ein Mensch verändert, sobald er sich zum ersten Mal wirklich angenommen fühlt, wie die Scham nachlässt und etwas weicher wird. Ein einzelnes Gespräch, ein aufmerksames Zuhören, ein ehrliches Gegenüber kann einen Menschen – und damit die Welt – verändern.
- Einen Raum schaffen, in dem Menschen sich vollkommen angenommen fühlen.
- Erleben, dass jemand Jahre später sagt: Unsere Begegnung hat mein Leben verändert.
- Meditation für Menschen zugänglich machen, die glauben, sie könnten das nicht.
- Menschen helfen, sich mit sich selbst zu versöhnen.
- Dass sich jemand wegen meiner Arbeit zum ersten Mal mit freundlichen Augen anschaut.
- Einen sicheren Resonanzraum für schwierige Gespräche schaffen.
- Weitergeben, was ich selbst nur durch meine eigenen Krisen gelernt habe.
- Mehr Zukunftslust und Lebensfreude in die Welt bringen.
- Menschen inspirieren, ihre Lebensgeschichte wertzuschätzen und zu bewahren.
- Dazu beitragen, dass ein bisschen weniger Scham und ein bisschen mehr Verbundenheit in der Welt ist.
- Dazu beitragen, dass wir wieder lernen, einander mit echtem Interesse zuzuhören, ohne einander sofort einordnen zu müssen.
- Menschen unterstützen, sich in ihrem eigenen Leben wieder zu Hause zu fühlen.
- Dazu beitragen, dass Menschen sich auch dann mit Würde begegnen, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind.
- Dass Kinder Selbstmitgefühl so selbstverständlich finden wie Zähneputzen.
Ich möchte beschützen
Wenn ich an meine Kinder und Enkel denke, wird mein Herz manchmal schwer. Beschützen heißt für mich, jetzt für die einzustehen, die noch keine starke Stimme haben – für die Schwächeren unter uns und für die Natur. Und manchmal frage ich mich, ob nicht sie es ist, die unser Menschsein schützt: Vielleicht bewahren wir mit jedem Wald, jedem Fluss und jeder Art immer auch einen Teil von uns selbst.
- Erleben, dass jede Frau überall auf der Welt frei reisen und anziehen kann, was sie will, ohne Angst vor Übergriffen oder Anfeindungen.
- Mithelfen, ein Stück Natur dauerhaft zu schützen.
- Nie zu beschäftigt sein, um einen Marienkäfer zu beobachten oder einem Kind beim Spielen zuzuschauen.
- Einen Beitrag leisten, dass wir den Klimawandel nicht nur bremsen, sondern wieder gut mit der Erde leben.
- Erleben, dass Kinder ganz selbstverständlich in der Natur aufwachsen.
- Dass es nicht mehr hingenommen wird, wenn Arten für immer verschwinden.
- Mitwirken, dass sich Menschen wieder als Teil der Natur verstehen.
- Erleben, dass niemand seine Heimat verlassen muss, weil sie unbewohnbar geworden ist.
- Dass wir Wohlstand nicht länger nur in Geld messen.
- Dass wir uns fragen, nicht nur was möglich ist, sondern auch, was dem Leben dient.
- Dass ältere Menschen wieder als Schatz unserer Gesellschaft gesehen werden.
- Erleben, dass wir als Menschheit erwachsen werden.
- Lernen, nicht gegen das Leben zu kämpfen, sondern mit ihm zu leben.
- Dass wir den Mut finden, zukünftigen Generationen zuliebe zu entscheiden.
Ich möchte loslassen
Loslassen heißt für mich nicht, weniger zu lieben. Es heißt, dem Leben zu vertrauen – auch dort, wo ich es nicht festhalten, beschleunigen oder reparieren kann. Denn vieles, woran ich mich klammere, hält in Wahrheit mich fest.
- Frieden mit meinem Körper schließen.
- Mich nicht länger über meine Leistung definieren.
- Selbstfürsorge nicht länger für privaten Luxus halten, sondern für eine Form von Widerstand.
- So leben, dass ich am Ende nichts Wesentliches auf später verschoben habe.
- Mir selbst vergeben, was ich als Mutter nicht besser konnte.
- Annehmen, dass ich längst nicht alle meine Wünsche verwirklichen werde.
- Meine erwachsenen Kinder ihren Weg gehen lassen, auch wenn er mir wehtun sollte.
- Erleben, dass das Sterben in unserer Gesellschaft seinen Platz im Leben zurückbekommt.
- Dankbarkeit wichtiger werden lassen als Konsum.
- Mich nicht länger von Scham regieren lassen.
- Meinen inneren Frieden weniger von den Handlungen anderer abhängig machen.
- Aufhören, alte Kränkungen wie Trophäen aufzubewahren.
- Lernen, dass mein Genug Platz lässt für das Genug der anderen.
Ich möchte hinterlassen
Dieser letzte Teil reicht über mich hinaus. Er handelt von dem, was ich weitergeben möchte, von den Spuren, die ich in anderen hinterlasse. Was hier steht, soll auch noch wirken, wenn ich längst nicht mehr da bin.
- Eine gute Ahnin sein – auch für Menschen, die ich nie kennenlernen werde.
- Die Oma für meine Enkel sein, die meine Kinder leider nicht hatten.
- Die Cyclebreakerin sein, damit meine Kinder es nicht mehr sein müssen.
- Dass meine Kinder einmal sagen: Mama hat ihr Leben wirklich geliebt.
- Dass jemand sagt: Durch sie habe ich begonnen, mein Leben zu lieben.
- Meinen Kindern eine hoffnungsvolle Zukunft hinterlassen.
- Erleben, dass Achtsamkeit selbstverständlich wird – nicht als Trend, sondern als Haltung.
- Erleben, dass Mitgefühl ein Bildungsziel wird.
- dazu beitragen, dass in unseren Schulen Streiten und Versöhnen genau so selbstverständlich geübt wird wie Vokabeln.
- Erleben, dass wir Demokratie wieder als tägliche Praxis begreifen: zuhören, widersprechen, aushalten, verhandeln.
- Erleben, dass Krieg zwischen Staaten irgendwann so undenkbar wird wie heute die Sklaverei.
- Nie aufhören, mein Leben als Geschenk zu betrachten.
- Mit dem Gefühl sterben können, meinen kleinen Teil dazu beigetragen zu haben, dass diese Welt ein bisschen liebevoller und friedvoller geworden ist.
Und jetzt du
Wenn ich diese Liste noch einmal lese, merke ich, wie viel Sehnsucht darin steckt – und wie wenig davon sich kaufen lässt. Fast alles hat mit Verbundenheit zu tun. Vielleicht ist das meine ehrlichste Antwort auf die Frage, warum ich hier bin.
Ich habe diese Liste geschrieben, weil ich glaube, dass wir uns von Zeit zu Zeit daran erinnern müssen, was uns wirklich wichtig ist. Denn Sehnsucht ist auch eine Form von Wissen. Sie zeigt mir, wofür ich offen bleiben möchte – und wohin ich mich vom Leben rufen lasse.
Diese 108 Dinge sind mein Kompass. Und am Ende wird wahrscheinlich nicht entscheidend sein, wie viele davon in Erfüllung gegangen sind. Sondern, ob ich in ihre Richtung gelebt habe.
Was steht auf deiner Liste?
Pia Hübinger ist Pädagogin, Coach und Trainerin für Achtsamkeit, Mitgefühl und achtsamkeitsbasierte Kommunikation. In ihrer Arbeit verbindet sie westliche und buddhistische Psychologie, Körperweisheit und Nervensystemarbeit zu einem heilsamen Prozess des Wieder-Ganz-Werdens. Sie ist davon überzeugt, dass Heilung und Veränderung dort beginnen, wo wir aufhören, uns selbst zu bekämpfen und lernen, uns mit liebevoller Präsenz zu begegnen.
Ihr Ansatz Radical Belonging verbindet psychologische Klarheit mit der Bereitschaft, auch schwierigen Erfahrungen nicht auszuweichen. Sie erteilt keine Diagnosen und keine Ratschläge, sondern schafft einen Rahmen, in dem Menschen ihrem eigenen Erleben begegnen können. Unzensiert, unverstellt, ungefällig. Denn nur wenn Veränderung an die eigene Erfahrung angebunden ist, hat sie Bestand.
Mehr über die Autorin erfährst du hier.



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