Spuren deines Lebens. 

20 biografische Fragen, die dir einen freundlicheren Blick auf dein Leben eröffnen

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Was, wenn deine Geschichte gar nicht stimmt?

Leere Hängematte im Garten, in der nie jemand lag – Symbolbild für Glaubenssätze aus der Kindheit und das Recht auf Pause. Es trägt den Titel: Ich bin nicht meine Geschichte

Ich komme von einem Termin nach Hause und stolpere im Flur über die Schuhe meiner Tochter. Daneben liegt ihre Jacke auf dem Boden, die Schultasche steht offen, allerlei ist herausgefallen. Auf dem Tisch steht noch der Teller vom Mittagessen, den sie vor zwei Stunden hätte abräumen sollen. Im Wohnzimmer liegt sie auf dem Sofa, Handy in der Hand, ihre momentane Lieblingsserie läuft. In zwei Tagen schreibt sie eine Klausur. Und in mir geht eine Stimme an, leise, aber sofort da: Wie kann sie einfach so daliegen, wenn hier noch so viel zu tun ist?

Diese Stimme kenne ich sehr genau. Ich habe sie nicht erfunden; ich habe sie geerbt.

Erst durch die Biografiearbeit habe ich verstanden, dass dieser Satz nicht einfach eine Erinnerung ist, sondern Teil der Geschichte, die ich über mich selbst erzähl(t)e.

Als ich den Aufruf meiner Kollegin Peggy Bendler zur Blogparade „Welche Geschichte über dich selbst hast du losgelassen, und was kam danach?“ las, wusste ich sofort, welche Geschichte ich erzählen will. Ich arbeite seit Jahren mit Biografien, meiner eigenen und denen anderer. Diesmal geht es um einen Satz meiner Mutter: „Du musst die Arbeit sehen, die ist immer da.“

Der Satz, der immer recht behielt

Ich habe in meiner Kindheit nie ohne schlechtes Gewissen gelesen oder gemalt. Selbst wenn ich vorher alles erledigt hatte, kam meine Mutter oft in mein Zimmer gestürmt, weil irgendetwas nicht oder nur unzureichend von mir erledigt worden war. Und wenn ich einmal wirklich alles erledigt hatte, kam der Satz: „Ich muss dir doch nicht alles sagen. Du musst die Arbeit sehen, die ist immer da.“ Ich konnte es anstellen, wie ich wollte – genug war es nie. Wenn meine Mutter Urlaub hatte, startete sie regelmäßig größere Arbeitsprojekte an Haus und Garten, mit der stillschweigenden Erwartung, dass wir natürlich mithelfen. Im Garten hing eine Hängematte. Ich kann mich nicht erinnern, dass je jemand darin gelegen hätte. So erlebte ich auch Urlaub nicht als Ort der Erholung, sondern als Gelegenheit, liegengebliebene Projekte abzuarbeiten.

Ich will diesen Satz hier nicht als Anklage verstanden wissen. Meine Mutter hat ihn genauso wenig erfunden wie ich meine eigene innere Stimme heute. Aber er hat sich bei mir eingenistet, und zwar nicht nur im Kopf. Bis in meine Vierziger hinein bin ich mit schlechtem Gewissen hochgeschreckt, wenn ich Schritte auf einer Treppe gehört habe. Das war das Geräusch, das ich lange mit ihr verbunden habe.

Der Moment, in dem der Satz aufgehört hat zu stimmen

Mit meinem ersten Kind kam eine andere Erkenntnis dazu: Der Zeitpunkt, an dem ich alles erledigt haben werde, wird vermutlich nie kommen. Windeln, Wäsche, Termine, Arbeit – die Liste erneuert sich schneller, als ich sie abarbeiten kann, für den Rest meines Lebens. Wenn „alles erledigt“ die Voraussetzung für Freude ist, gibt es also gar keine Freude. Genau da habe ich angefangen, mir bewusst Schönes in den Alltag zu holen, auch wenn noch längst nicht alles fertig war. Auch als bewussten Kontrapunkt zu meiner Mutter.

Das klingt nach einer einmaligen Entscheidung. War es nicht. Ich musste sie immer wieder treffen, und ich treffe sie bis heute. Der tragende Gedanke dahinter: Ich bin nicht meine Geschichte. Ich verleugne sie damit nicht, ich muss nur nicht mehr nach ihren Regeln leben, nur weil sie über Jahre die einzigen waren, die ich kannte. Das ist eine andere Entscheidung als die Rebellion in der Pubertät, gegen die man ja meistens sowieso irgendwann wieder zurückrudert. Diese Entscheidung, mich selbst zu führen, ist radikaler. Und oft unbequem.

Warum eine Geschichte immer nur eine von mehreren ist

Beruflich begleite ich Menschen dabei, sich ihre eigene Lebensgeschichte noch einmal anzuschauen. Dabei geht es mir nie darum, ob eine Erinnerung historisch korrekt ist. Der Satz meiner Mutter ist gefallen, genau so, wie ich ihn erzähle. Die Frage, die mich interessiert, ist eine andere: Ist das die einzige Deutung, die ich diesem Satz geben kann? Oder gibt es noch eine zweite, dritte, vierte, die mir heute mehr hilft?

Dass wir Menschen uns über Geschichten verstehen, ist nicht nur eine persönliche Erfahrung. Auch die Psychologie beschäftigt sich seit Langem damit. Der amerikanische Psychologe Dan P. McAdams hat diesen Gedanken mit seiner Forschung zur narrativen Identität geprägt. Ein Mensch webt aus rekonstruierter Vergangenheit und imaginierter Zukunft eine Geschichte, die seinem Leben Sinn und Zusammenhang gibt. Kohärenz wird darin nicht gefunden, sondern hergestellt.

Ein Leben besteht aus unzähligen einzelnen Momente. Erst im Erzählen verbinden wir sie zu einer Linie mit einem Anfang, einer Mitte und einer Bedeutung. Die Fakten bleiben dabei, was sie waren. Nur die Bedeutung, die ich ihnen gebe, kann verschieden ausfallen. Bei mir hieß die Linie lange: Ich bin nur etwas wert, wenn ich viel arbeite und Aufgaben auch unaufgefordert übernehme. Genauso wahr ist eine andere Interpretation derselben Fakten. Meine Mutter hat sich selbst nie erlaubt, sich auszuruhen, und hat weitergegeben, was sie kannte. Dass ich daraus meinen eigenen Selbstwert ableitete, war meine Geschichte – nicht zwangsläufig ihre.

Beides ist wahr. Je älter ich werde, desto weniger interessiert mich, welche Version objektiv die richtige ist. Mich interessiert die Frage, welche Geschichte mir hilft, heute freier, freundlicher und lebendiger zu leben.

In der Begleitung von Menschen erlebe ich immer wieder, dass es oft gar nicht die großen Ereignisse sind, die unser Selbstbild prägen. Manchmal genügt ein einziger Satz, der oft genug wiederholt wurde. „Reiß dich zusammen.“ „Stell dich nicht so an.“ „Eigenlob stinkt.“ Jahrzehnte später wirken diese Sätze noch, als wären sie Naturgesetze. Erst wenn wir sie anschauen, merken wir: Sie sind nicht in Stein gemeißelt. Sie wurden von Menschen gesagt – und dürfen deshalb auch von Menschen hinterfragt werden.

Was Biografiearbeit von bloßem Erinnern unterscheidet

Biografiearbeit ist für mich mehr, als Ereignisse der Reihe nach nachzuerzählen oder Erinnerungen zu sammeln wie Fotos in einem Album: Es geht um den Unterschied zwischen bloßem Erinnern und echtem Verstehen. Erinnern sagt mir, was passiert ist. Verstehen zeigt mir, warum es bis heute wirkt – welcher Satz, welche Szene, welches Muster sich in mir festgesetzt hat und wie. Anders als Psychotherapie, die in der Regel einen Behandlungsauftrag hat, richtet sich Biografiearbeit nicht auf eine Diagnose oder Symptomreduktion. Sie kann auch dann sinnvoll sein, wenn Menschen ihr Leben bewusster verstehen und gestalten möchten.

Diese Art des Verstehens braucht eine bestimmte Haltung: neugierig, mitfühlend, nie von oben herab. Eine Praxis, die davon ausgeht, dass niemand außer mir selbst meine Geschichte so erzählen kann, wie sie für mich wahr ist. Und die eine gehörige Portion liebevoller Güte gegenüber der Person braucht, die ich einmal war.

Ohne diese Güte wäre die Geschichte mit meiner Mutter nur eine Anklage geworden. Mit ihr wird daraus Erkenntnis – dass ein Satz, mit dem ich groß geworden bin, nicht automatisch das letzte Wort über mein Leben behalten muss.

Warum sich Pause zuerst falsch anfühlt

Der Polyvagal-Theorie von Stephen Porges verdanken wir dafür den Begriff der Neurozeption. Porges unterscheidet sie bewusst von der bewussten Wahrnehmung, der Perzeption: Neurozeption läuft über den Vagusnerv, unterhalb des Bewusstseins, und bewertet Reize in Sekundenbruchteilen als sicher oder gefährlich, lange bevor der Kopf mitreden kann. Das Nervensystem kennt dabei im Wesentlichen drei Zustände: einen sicheren, in dem wir uns entspannen, mit uns selbst und anderen verbinden und erholen können, einen mobilisierten, in dem Kampf oder Flucht möglich werden, und einen erstarrten, in dem wir uns zurückziehen oder abschalten. Welcher Zustand gerade aktiv ist, entscheidet nicht der Verstand, sondern die Erfahrung, die der Körper gespeichert hat.

Wer über Jahre in einem Klima gelebt hat, in dem Ruhe mit Kritik oder Kontrolle beantwortet wurde, trainiert sein Nervensystem genau darauf: Ruhe wird zum Signal, dass gleich etwas passieren könnte, statt zum Signal der Sicherheit. Die Neurozeption schlägt in diesem Fall auch dann noch Alarm, wenn objektiv nichts passiert. Genau so hat es sich bei mir lange angefühlt: Sobald ich mir eine Pause erlaubte, stelle sich keine Erholung, sondern Anspannung ein – als würde gleich jemand in mein Zimmer stürmen. Erst mit der Zeit habe ich gelernt, diesen Alarm zu erkennen, ihn nicht sofort zu glauben und trotzdem in der Pause zu bleiben. Und so geht es, das sehe ich in meiner Arbeit sehr oft, auch vielen meiner Klient*innen: Sie erlauben sich entweder gar keine Pausen oder sie machen sie ganz rational und fühlen sich dabei trotzdem schlecht, weil der Körper eine andere Sprache spricht als der Kopf.

Die drei Bausteine, aus denen eine Geschichte entsteht

Als ich mich später intensiver mit buddhistischer Psychologie beschäftigte, war ich überrascht, wie vertraut mir dieser Gedanke vorkam. Dort werden solche Gewohnheitsmuster Saṅkhāra genannt: mentale Prägungen, die aus unseren Erfahrungen entstehen und unser Denken, Fühlen und Handeln oft lenken, ohne dass wir es merken. Mir wurde klar: Der Satz meiner Mutter war längst Teil meiner eigenen inneren Geschichte geworden.

Der Mechanismus dahinter lässt sich in drei Schritten beschreiben. Am Anfang übernehmen wir Vorstellungen von den Menschen, die uns geprägt haben – Eltern, Familie, das nähere Umfeld –, meistens ohne sie jemals bewusst zu prüfen. Bei mir war das der Satz meiner Mutter: Du musst die Arbeit sehen, die ist immer da. Ich habe ihn mir nicht ausgesucht, ich habe ihn einfach übernommen, wie man eine Sprache übernimmt, die man als Kind lernt, lange bevor man sie hinterfragen kann.

Im zweiten Schritt verfestigen sich solche übernommenen Vorstellungen zu Gewohnheiten – und diese Gewohnheiten werden von Grundängsten genährt, allen voran der Angst, nicht genug zu sein. Aus dem Satz meiner Mutter wurde bei mir eine ständige, meist unbewusste Sorge, nicht genug geleistet zu haben, ganz gleich, wie viel ich tatsächlich schon getan hatte.

Im dritten Schritt schließlich verwechseln wir das Ergebnis mit einem festen, stabilen Ich. Wir vergessen, dass es sich dabei um einen Prozess handelt, der sich verändern lässt, und halten es stattdessen für unsere Persönlichkeit, unseren Charakter, unser Wesen. Bei mir hieß das: Ich hielt mich lange für jemanden, der sich mit Ruhe schwertut – dabei hatte ich nur einen bestimmten Satz übernommen, den ich nie geprüft hatte.

Anattā, das Nicht-Selbst, ist eines der drei buddhistischen Daseinsmerkmale – und die Einladung, genau diesen letzten Schritt infrage zu stellen. Ist diese Geschichte wirklich in Stein gemeißelt? Oder ist sie das, was mir seitdem begegnet: ein fortlaufender Prozess, der sich mit jedem neuen Blick verändert? Gedanken kommen und gehen, Gefühle kommen und gehen, auch die Sätze, mit denen wir groß geworden sind. Sie mögen auftauchen – aber sie sind nicht die Wahrheit über uns und wir müssen unsere Handlungen und Emotionen nicht von ihnen bestimmen lassen. Genau das ist für mich der Kern von Biografiearbeit: die Vergangenheit noch einmal lesen, mit anderen Augen, aus einem anderen räumlichen und zeitlichen Abstand. Nicht um sie umzuschreiben, sondern um die Geschichte, die wir aus ihr gemacht haben, neu zu verstehen.

Was noch nicht fertig ist

Ich würde gern schreiben, dass ich den Satz meiner Mutter hinter mir gelassen habe. Habe ich nicht. Doch ich habe aufgehört, sie für unabänderlich zu halten. In meiner Selbstständigkeit hilft mir diese Erkenntnis oft, nicht wieder in das alte Muster des „selbst und ständig“ zu rutschen. Aber ganz frei bin ich nicht. Es gibt Phasen – wie gerade jetzt –, in denen ich mich so tief in etwas hineingrabe, dass ich alles andere darüber vergesse. Die alte Stimme meldet sich also nicht mehr bei jedem Treppenschritt, aber sie meldet sich noch. Nur widerspreche ich ihr inzwischen öfter, als dass ich ihr folge.

Und so stehe ich wieder im Flur, zwischen Schuhen und offener Schultasche. Die Stimme meldet sich, wie immer in solchen Situationen. Aber an diesem Tag gelingt es mir, mich neben meine Tochter aufs Sofa zu setzen und sie zu fragen, ob sie einen anstrengenden Tag hatte. Keine Ansage, keine Liste. Erst später, als wir kurz geredet haben, bitte ich sie, ihre Sachen aufzuräumen und noch einmal an ihre Klausur zu denken.

An schlechten Tagen gelingt mir das nicht. Dann bricht sich das alte Muster Bahn, erst die Arbeit, dann (vielleicht) die Pause. Aber mir ist wichtig, dass meine Kinder etwas anderes lernen als ich: dass sie sich ausruhen dürfen, wenn sie müde sind, und nicht erst, wenn alles andere erledigt ist. Es ist ein schmaler Grat, denn manches muss eben doch erledigt werden, die Klausur schreibt sich nicht von allein. Aber die Reihenfolge, in der ich frage, macht für mich den Unterschied.

Welcher Satz taucht in deinem Kopf immer wieder auf, obwohl ihn gerade niemand ausgesprochen hat? Wenn du magst, erzähl ihn mir in den Kommentaren. Vielleicht beginnt genau dort eine neue Sicht auf deine Geschichte.

Häufige Fragen

Was bedeutet „Ich bin nicht meine Geschichte“?

Die Erzählung, die wir uns über uns selbst erzählen, ist kein Naturgesetz. Sie ist etwas, das wir – bewusst oder unbewusst – selbst zusammengesetzt haben, aus Sätzen, Erfahrungen und Wiederholungen. Die Vergangenheit bleibt dabei wichtig, nur behält sie eben nicht automatisch das letzte Wort. Genau da fängt Biografiearbeit an: bei der Frage, welche Geschichte gerade wirkt und ob sie mir noch dient.

Was ist Biografiearbeit?

Biografiearbeit ist eine Praxis der bewussten Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben – mit Neugier und Mitgefühl statt mit Bewertung. Der Fokus liegt auf Verstehen: warum bestimmte Sätze, Szenen oder Muster bis heute wirken. Anders als Psychotherapie, die in der Regel einen Behandlungsauftrag hat, richtet sie sich nicht auf eine Diagnose oder Symptomreduktion – sie kann auch dann sinnvoll sein, wenn Menschen ihr Leben einfach bewusster verstehen und gestalten möchten.

Was hilft, wenn Gedanken immer wieder um dieselbe Geschichte kreisen?

Ein Gedankenkarussell dreht sich meistens um eine einzige Deutung von Fakten, die wir für die einzig mögliche halten. Hilfreicher als der Versuch, das Grübeln zu stoppen, ist oft die Frage, welche Deutung da gerade wirkt – und ob es noch eine andere gibt, die genauso wahr wäre und leichter zu tragen ist.

Warum fühlt sich Pause manchmal falsch an, obwohl man sie sich verdient hat?

Das lässt sich mit der Polyvagal-Theorie von Stephen Porges erklären: Unser Nervensystem bewertet über die sogenannte Neurozeption unbewusst, ob eine Situation sicher oder gefährlich ist. Wer in einem Umfeld aufgewachsen ist, in dem Ruhe kritisch beäugt wurde, kann eine Neurozeption entwickeln, die auch entspannte Momente als Gefahr einstuft. Das Gefühl von Unruhe in der Pause ist dann vor allem eine körperliche Reaktion – und lässt sich mit der Zeit verändern.

Wie finde ich heraus, welchen Satz ich selbst übernommen habe?

Oft hilft die Frage, die auch am Ende dieses Artikels steht: Welcher Satz taucht in stressigen Momenten automatisch auf, obwohl gerade niemand ihn ausgesprochen hat? Häufig stammt er aus der Kindheit oder von einer prägenden Bezugsperson. Biografiearbeit setzt genau dort an, mit Verständnis statt mit Urteil.

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