Zehn Fähigkeiten, die ich als Kind selbstverständlich hatte – und was sie über meine Bedürfnisse von heute verraten
Es ist der letzte Abend der Sommerferien, und unser Papphaus brennt. Wir haben tagelang daran gebaut, aus Kartons, die wir bei den Nachbarn zusammengeschnorrt haben, bemalt, beklebt, mit einem Fenster, durch das man den Kopf stecken kann. Jetzt steht es in Flammen, auf der Wiese meiner Großeltern, unter der alten Eiche, vor unseren Eltern, die im Gras sitzen. So steht es im Drehbuch. Und ich trabe auf einem geliehenen Pferd daran vorbei. Natürlich ohne Helm.
Ich bin im Grundschulalter, und ich glaube, ich habe mich in meinem Leben selten so lebendig gefühlt. Das gehört bis heute zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen.
Heute würde das vermutlich niemand mehr zulassen. Ich verstehe jeden, der beim Lesen kurz zusammenzuckt, und ehrlich gesagt möchte ich meinem eigenen Neunjährigen auch nicht beim Anzünden von Pappkartons auf einer Sommerwiese zuschauen.
Das Feuer ist ohnehin nur der Teil der Geschichte, der sich am besten erzählen lässt. Angefangen hat die Sache viel früher In meiner Straße wohnten damals etwa fünfzehn Kinder, quer durch alle Altersstufen, und in den Sommerferien spielten wir jeden Abend Völkerball, bis es so dunkel war, dass wir den Ball kaum noch sehen konnten. Meine Freundin Ruth und ich gehörten zu den Ältesten. Ruth liebte Karl May, ich liebte Pferde. Also trommelten wir eines Abends alle zusammen und stellten unsere Idee vor: eigene Karl-May-Festspiele. Gesehen hatte die keiner von uns, wir hatten nur davon gehört. Das reichte uns völlig.
Ruth und ich schrieben das Drehbuch. Wir probten auf der Wiese meiner Großeltern, mit den Pferden der Nachbarn, wir bauten Requisiten und verteilten Rollen. Wir stritten und einigten uns wieder. Am Ende der Ferien luden wir die ganze Straße ein. Dreimal haben wir das gemacht, in drei Sommern.
Kein Erwachsener hat das für uns organisiert. Und – das ist der eigentliche Punkt – kein Erwachsener hat uns dabei mit seiner eigenen Idee von richtig und falsch dazwischengefunkt.
Die Inhalte dieses Blogartikels:
ToggleDie andere Hälfte der Geschichte
Bis hierhin ist das eine schöne Geschichte, und ein paar Mal habe ich sie auch schon genau so erzählt. Es fehlen nur zwei Dinge. Ohne die stimmt sie nicht.
Das erste: Wir haben Indianer gespielt. Mitte der Achtzigern hat sich daran niemand gestört, und ich habe damals keine Sekunde darüber nachgedacht. Heute weiß ich, woraus dieser Stoff gemacht ist. Aus Klischees über Menschen, die es wirklich gibt, aufgeschrieben von einem Mann, der beim Schreiben nie dort gewesen war. Meine Kinder dürften das nicht spielen. Und ehrlich gesagt finde ich das Zweite wichtiger: Sie wollen es auch gar nicht. Denn wir reden regelmäßig darüber, über kulturelle Aneignung, über Stereotype, über die Frage, wem eine Geschichte eigentlich gehört.
Meine schönste Kindheitserinnerung besteht also aus einem Material, das ich meinen eigenen Kindern nicht mehr in die Hand geben würde. Beides ist wahr. Ich muss das nicht auflösen, und ich möchte es auch nicht.
Das zweite: Ruth und ich waren die Ältesten. Das klingt harmlos, war es aber nicht. Wir haben das Drehbuch geschrieben, also haben wir bestimmt, wovon die Geschichte handelt. Wir haben die Rollen verteilt. Wir hatten die Macht auf dieser Wiese, und wir haben sie benutzt. Wir haben Entscheidungen getroffen und dabei andere übergangen. Vermutlich öfter, als ich es damals gemerkt habe.
Wenn heute jemand aus meiner alten Straße diesen Text liest, erinnert er sich womöglich an einen ganz anderen Sommer. An Streit. An das Gefühl, nur mitlaufen zu dürfen. An zwei große Mädchen, die alles bestimmt haben. Diese Erinnerung wäre genauso richtig wie meine. Es gibt hier mehr als eine Wahrheit, und meine ist nur die, die ich erzählen kann.
Warum ich meine Kindheit trotzdem nicht wiederholen will
Karina Röpcke hat zu einer Blogparade eingeladen: Kindheitserinnerungen, die ich dieses Jahr unbedingt wiederholen möchte. Eine schöne Einladung, und beim Lesen ihrer Impulsfragen fiel mir sofort das große Feuer auf der Wiese ein.
Und dann kam der Widerstand.
Denn ich will meine Kindheit nicht wiederholen. Ich kann sie gar nicht wiederholen, und das ist wörtlich gemeint: Die Wiese meiner Großeltern gibt es nicht mehr. Die alte Eiche auch nicht. Da steht heute ein Neubaugebiet, mit Auffahrten und Rasenkanten, und irgendwo unter einer dieser Einfahrten liegt die Stelle, an der unser Papphaus gebrannt hat.
Und selbst wenn ich es versuchte, mit allem Drum und Dran: Kinder zusammentrommeln, ein Drehbuch schreiben, Pferde leihen, die Eltern einladen. Es käme etwas völlig anderes dabei heraus. Eine erwachsene Frau, die ein Projekt macht. Mit Terminabsprachen, mit der Frage nach der Versicherung, mit dem leisen Gedanken im Hinterkopf, ob das jetzt auch wirklich schön wird. Genau der Gedanke, den wir damals nicht hatten.
Erinnerungen sind Wegweiser. Sie bleiben nicht nur, weil sie spektakulär waren, sondern weil sie etwas in uns berühren. Als ich länger über diese Szene nachdachte, wurde mir klar, was dieses Mädchen damals ganz selbstverständlich konnte und was mir heute immer wieder abhandenkommt. Sie konnte sich stundenlang in eine Sache vertiefen, ohne Ziel spielen, Freundschaften innerhalb weniger Minuten schließen, staunen, Geschichten erfinden, Abenteuer vor der Haustür finden, mit wenig glücklich sein und vollkommen im Moment aufgehen.
Beim Schreiben dieser Aufzählung fällt mir auf: Da steht gar nichts über Kindheit.
Da steht: Zeit, die niemand getaktet hat. Das Gefühl, in einer Sache aufzugehen. Mit anderen zusammen etwas erschaffen. Ohne Ziel unterwegs sein dürfen. Und Langeweile, aus der etwas entsteht.
Das sind keine Kindheitserinnerungen. Das sind Bedürfnisse. In diesen Momenten waren sie einfach erfüllt, ohne dass ich sie überhaupt benennen musste. Heute muss ich bewusster dafür sorgen, dass sie einen Raum bekommen.
In diesem einen Sommer habe ich alle zehn benutzt, ohne einen davon zu benennen. Wir haben tagelang an einem Drehbuch gesessen und keine Sekunde auf die Uhr geschaut. Wir waren von morgens bis abends draußen. Wir hatten Kartons, Pferde und eine Wiese, und es hat gereicht. Gefragt hat niemand, wozu das gut sein soll.
Ich will nicht dorthin zurück. Aber diese Erinnerung erinnert mich daran, dass ich das einmal gekonnt habe. Was man einmal konnte, muss man sich nicht neu beibringen. Man muss es wiederfinden.
Der Nachmittag, an dem es wieder da war
Vor ein paar Wochen war ich zu einem Beachvolleyballturnier eingeladen. Ein paar befreundete Familien auf dem hiesigen Sportplatz, jeder brachte eine Kleinigkeit zu essen mit. Etwa fünfzehn Erwachsene, zwanzig Kinder, wechselnde Teams.
Ein paar Sportlehrer*innen waren dabei. Andere von uns hatten hingegen seit Jahrzehnten kein Volleyball mehr gespielt. Und trotzdem hat niemand einen blöden Kommentar gemacht. Man gab sich Tipps. Man lachte, wenn der eigene Ball im Sand landete. Die Kinder spielten auf dem Feld neben dem der Erwachsenen. Die Teams wurden per Zufallsgenerator zusammengestellt, und es gab kein peinliches Mannschaftswählen wie im Schulsport. Abends bestellten wir Pizza und ließen den Tag gemütlich ausklingen.
Ich bin nach Hause gefahren und fühlte mich wie nach einem kleinen Urlaub. Dabei war ich nur einen Nachmittag lang auf dem Sportplatz.
Seitdem lässt mich eine Frage nicht los, und ich habe sie schon in meinem Newsletter gestellt: Wann ist uns eigentlich das Spielen abhandengekommen?
Mit meinen Kindern spiele ich viel. Wir spielen Fangen auf der Wasserrutsche, gehen zusammen Klettern, auf dem Spielplatz kicken, spielen Badminton, Brett- und Kartenspiele. Neulich habe ich mit meinem Neunjährigen sechs Stunden lang Monopoly gespielt – ein Spiel, das ich von Herzen verabscheue – und nach anfänglichem inneren Zähneknirschen habe ich es sogar genossen. Wir malen zusammen, denken uns kreative Projekte oder sportliche Challenges aus und verlieren dabei oft das Zeitgefühl. Ich glaube, genau darin liegt ein Schatz: nicht nur für die Kinder, sondern auch für mich und für die Erinnerungen, die wir miteinander schaffen.
Was ich ihnen weitergeben will, ist gar nicht diese eine Szene. Es ist das, was sie damals in mir ausgelöst hat: das Gefühl, etwas selbst bewirkt zu haben, und die Freiheit, die dazugehört.

Das Drumherum haben sie ohnehin, und ich bin darüber jeden Tag froh. Wir wohnen in einer Siedlung mit vielen Kindern. Sie klingeln beieinander an der Haustür, einfach so, ohne dass vorher zwei Mütter ihre Kalender abgeglichen haben. Sie ziehen durch fremde Gärten und fremde Kinderzimmer, sie treffen sich auf dem Spielplatz, sie bleiben nach der Schule auf dem Schulhof hängen. Wenn es bei uns klingelt und jemand nach meinem Sohn fragt, freue ich mich jedes Mal.
Konkret heißt das: sich trauen, eine Nummer zu groß zu denken, bevor jemand ausrechnet, ob das realistisch ist. Wir wollten Karl-May-Festspiele machen, obwohl keiner von uns je welche gesehen hatte. Genau diese kühne Unbekümmertheit meine ich.
Aber ich, nur für mich? Ohne Kinder, ohne Anlass, ohne dass es irgendwem nützt?
Da wird es still.
Die Erwachsenen sitzen jetzt in mir drin
Damals hat mir niemand reingeredet. Heute muss das auch keiner mehr, das übernehme ich selbst. Und zwar schneller, als ich denken kann.
Am deutlichsten sehe ich es beim Schreiben. An meinen wissenschaftlichen Artikeln habe ich damals ewig gesessen. Jeden Satz mehrfach umformuliert und jede Aussage mit Quellen abgesichert. Ich habe mehr Zeit recherchiert als geschrieben, und über allem lag die Angst vor der Reaktion meines Chefs oder einer Kollegin.
Dabei wusste ich die ganze Zeit, wie es läuft: Gelesen werden die Abstracts. Die detaillierte Beschreibung von Studien und statistischen Auswertungen wird oft weit weniger aufmerksam gelesen, als wir beim Schreiben erwarten. Es sei denn, jemand will einen Kollegen methodisch auseinandernehmen und dabei die eigene Expertise vorführen. Überspitzt? Ein bisschen. Aber es trifft ganz gut, was da eigentlich lief: ein Schreiben fürs Ego.
Heute frage ich anders. Was könnte Menschen berühren? Was hilft ihnen, sich selbst besser zu verstehen? Und ganz nebenbei schreibe ich auch, um das Menschsein selbst tiefer zu begreifen. Dass man dabei meine Expertise sieht, ist mir immer noch recht. Sie ist nur nicht mehr der ausschlaggebende Grund.
Und trotzdem: Wenn ich an meiner Homepage arbeite, an einem neuen Angebot, an einem Text wie diesem hier, dann meldet sich zuverlässig eine Stimme. Was werden die anderen dazu sagen? Meine Freundinnen? Die Nachbarn? Bekannte? Die Familie? Ist das überhaupt gut genug?
Die Ausbildung in kontemplativer Psychologie hat mir da sehr geholfen. Ich erkenne diese Stimme schneller. Ich glaube ihr seltener aufs Wort. Aber so ist das eben mit unseren reaktiven Gewohnheitsmustern: Wir fallen schnell wieder hinein, sobald wir unachtsam sind. Sie fallen uns so leicht, weil wir sie automatisiert haben.
Und genau darin steckt die gute Nachricht. So ein Muster ist keine Charaktereigenschaft, sondern ein eingeübter Ablauf. Meiner war einmal klug: Wer im Wissenschaftsbetrieb bestehen will, tut gut daran, sich abzusichern. Das Muster hat mich geschützt. Es ist nur mit umgezogen in mein neues Leben, so wie dieser eine Schrank, den man mitnimmt und der dann in keinem Zimmer mehr passt.
Die Fähigkeiten von damals sind nicht verloren. Sie sind überlagert – und Überlagertes lässt sich freilegen.
Fünf Minuten für eine Freundschaft
Eine von den zehn habe ich zum Glück nie verloren. Bei der weiß ich sicher, dass sie noch da ist.
Vor einigen Jahren war ich in einer Mutter-Kind-Kur. Viele erschöpfte Frauen, und wenn ich das Bild von damals vor mir sehe, ist es dunkelblau, schwarz, grau. Eine war bunt. Von außen bunt und von innen strahlend. Schon am ersten Abend haben wir uns Blicke zugeworfen, am nächsten Morgen haben wir zusammen gefrühstückt und von da an waren wir während der nächsten drei Wochen unzertrennlich. Wir sind bis heute in Kontakt, loser inzwischen, die räumliche Entfernung ist groß.
Und dann ist da meine beste Freundin. Ich suchte eine Mitbewohnerin, sie suchte eine WG. Aus dem Vorstellungstreffen wurde ein lebhaftes Gespräch über mehrere Stunden. Danach machte ich, was vernünftige Erwachsene tun: Ich sagte, ich würde eine Nacht drüber schlafen. Ich schloss die Wohnungstür. Ich atmete ein paar Mal durch, ganz beseelt von dieser Begegnung. Dann riss ich die Tür wieder auf und rief ins Treppenhaus: „Rosella, willst du einziehen?“
Sie brachte noch am selben Abend ihren Koffer vorbei und zog am nächsten Tag ein. Heute ist sie Taufpatin meines Sohnes und Firmpatin meiner Tochter – ausgesucht hat sie sich meine Tochter selbst.
An dieser Szene hängt mein Herz, und zwar wegen der zehn Sekunden im Flur. Das Absichern war sofort da, ganz automatisch, so wie bei den wissenschaftlichen Artikeln. Und dann hat mein Bauchgefühl gewonnen.
Diese Fähigkeit hat allerdings ihren Preis, und den kenne ich auch. Freundschaften, die über die Kinder entstehen, man versteht sich gut, und irgendwann entfernt sich die andere, weil ich Erwartungen nicht erfülle. Das ist schmerzhaft. Und es ist gleichzeitig Teil von Leben.
Wer sich schnell öffnet, wird eben auch schnell verletzt. Auf unserer Straße gehörte beides zusammen: heute unzertrennlich, morgen Streit, übermorgen wieder gemeinsam auf dem Pferd. Vorsichtig geworden sind wir davon nicht. Das kam viel später.
Die Fähigkeit, die uns am schnellsten verlorengeht
Bleibt die Langeweile. Ausgerechnet.
Bei uns sieht das so aus: Wir steigen ins Auto, und noch bevor die Kinder angeschnallt sind, stecken die Kopfhörer in den Ohren. Oder es kommt die Frage, ob wir was hören können. Ich versuche, es möglichst wenig zu kritisieren, denn ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich es selbst auch oft kaum besser aushalte.
In den sozialen Medien wird in diesem Zusammenhang oft der rasche Dopaminkick dafür verantwortlich gemacht. Doch das ist falsch oder zumindest sehr stark verkürzt. Der Neurowissenschaftler Kent Berridge unterscheidet mit seinen Kollegen seit Jahren zwischen wanting (Wollen) und liking (hedonistisches Vergnügen), zwischen dem Verlangen nach etwas und dem eigentlichen Genuss daran. Dopamin gehört zum Wollen. Für das Vergnügen sind hingegen andere Botenstoffe zuständig.
Kennst du das? Du greifst zu deinem Handy, scrollst zwanzig Minuten, legst es weg und fühlst sich schlechter als vorher. Das Wollen war da. Das Mögen kam nie.
Dabei brauchen Kinder diese Leere, damit ihnen überhaupt etwas einfällt. Die Psychologinnen Sandi Mann und Rebekah Cadman ließen in ihrer Studie Menschen zunächst eine ausgesprochen langweilige Aufgabe erledigen: Telefonnummern aus einem Verzeichnis abschreiben. Anschließend sollten sie kreative Aufgaben lösen. Ausgerechnet die Gelangweilten fanden die originelleren Ideen.
Vielleicht haben wir gar keine Ideen mehr, weil wir ihnen keine Gelegenheit geben, uns zu finden. Langeweile ist der Anfang von Ideen. Wir lassen sie nur nicht mehr zu.
Warum meine Festspiele dreimal stattfanden
Eines ist mir an der ganzen Geschichte lange gar nicht aufgefallen: Wir haben das dreimal gemacht. Drei Sommer hintereinander.
Kinder wollen die gleiche Geschichte zum hundertsten Mal hören, den gleichen Film wieder und wieder sehen, immer denselben Weg gehen, dasselbe Lied singen. Erwachsene jagen das Neue. Eine neue Fortbildung, eine neue Methode, ein neues Buch, ein neuer Impuls. Als hätte Wiederholung etwas mit Stillstand zu tun.
In den kontemplativen Traditionen ist das genau umgekehrt. Da wird wiederholt, bis sich etwas setzt. Die Mala hat 108 Perlen, und man geht sie durch, Perle für Perle, ohne dass beim achtzigsten Mal etwas Aufregenderes passiert als beim dritten.
Ich meditiere täglich, und im Grunde ist das genau dieselbe Sache. Jeden Morgen dasselbe Kissen, dasselbe Sitzen, derselbe Atem. Nichts Neues. Kein Ergebnis, das ich vorzeigen könnte. An manchen Tagen bin ich nach weniger als zwei Minuten in Gedanken schon beim Einkaufszettel, und dann fange ich eben wieder an. Es ist – zumindest von außen betrachtet – die langweiligste halbe Stunde meines Tages, und vermutlich hat sie mehr verändert als alles andere.
Mit unseren Festspielen war es ähnlich. Beim zweiten Mal wussten wir, wie es geht. Beim dritten Mal sprudelten wir nur so vor Ideen, wie wir alles noch raffinierter inszenieren konnten. Und wir hätten sie vermutlich noch fünf weitere Sommer lang gespielt, wäre Spielen nicht plötzlich irgendwann – vielleicht mit 11 oder 12 – zu uncool geworden. Jedenfalls das Spielen mit Jüngeren.
Da war sie also schon, diese Instanz, die später über meine wissenschaftlichen Artikel wachen sollte. Sie hat nur früher angefangen, als ich dachte.
Was ich vorhabe
Also, Karina, hier kommt meine Antwort auf deine Frage, welche Kindheitserinnerungen ich in diesem Jahr wiederholen möchte. Nur ein bisschen anders, als die Frage vielleicht vermuten lässt.
Heute habe ich mein Sockenstrickzeug wieder ausgepackt. Stricken ist Wiederholung in Reinform: Masche für Masche, und das Ergebnis wärmt jemandem die Füße.
In den Sommerferien will ich mit meinen Kindern malen. Aquarell, Zentangle, und eine Technik, die ich liebe, weil sie das Bewerten gleich mit ausschaltet: Man steckt den Bleistift durch ein Taschentuch, legt das Tuch über die Zeichnung und sieht während des Zeichnens nicht, was entsteht. Man kann nicht korrigieren. Erst hinterher sieht man, was entstanden ist.

Und nach dem Beachvolleyballturnier habe ich Julia Camerons „Der Weg des Künstlers“ wieder aus dem Regal gezogen. Dazu muss ich etwas gestehen.
An der Hochschule für Musik und Tanz habe ich jahrelang angehende Tanzpädagoginnen und Tanzpädagogen in Psychologie unterrichtet, einige von ihnen ehemalige Tänzerinnen und Tänzer. In einem Seminar über Kreativität bin ich mit ihnen genau dieses Programm durchgegangen. Woche für Woche, ein ganzes Semester lang, habe ich sie durch alle Übungen geleitet. Ich habe anderen Menschen beigebracht, Morgenseiten zu schreiben – und sie selbst jahrelang jeden Morgen gleich nach dem Aufwachen geschrieben.
Und irgendwann habe ich damit aufgehört. So geht das.
Jetzt nehme ich mir wieder vor, jeden Morgen drei Seiten zu schreiben. Niemand liest sie, nicht einmal ich selbst. Es muss nichts daraus entstehen. Das kommt dem Papphaus schon ziemlich nahe.
Und ich freue mich auf nächste Woche. Ich habe zum ersten Mal eine ganze Woche ohne Kinder und ohne beruflichen Anlass. Mein Kalender ist fast leer und ich bin gespannt, wie ich die unverplante Zeit füllen werde. Ein Vorhaben steht schon fest: Ich plane einen Künstlertreff ein. Auch das ist ein Impuls von Cameron: eine feste Verabredung mit sich selbst. Allein, zweckfrei, ohne Begleitung, einfach um etwas anzuschauen oder zu erleben, das einen interessiert. Ich habe das jahrelang anderen beigebracht. Nächste Woche verabrede ich mich nur mit mir selbst.
Beim Aufschreiben ist mir allerdings etwas aufgefallen: Fast alles, worauf ich mich freue, mache ich allein. Und das fühlt sich überhaupt nicht nach Mangel an. Im Gegenteil. Genau danach sehne ich mich gerade. Und trotzdem bleibt ein Bedürfnis von meiner Liste offen. Das gemeinsame Erschaffen. Vielleicht braucht es dafür tatsächlich jemanden, der abends an der Haustür klingelt und sagt: „Ich habe da eine Idee.“
Meine Kindheit holt mir keins von diesen Vorhaben zurück. Sie ist vorbei, die Wiese ist bebaut, und das ist in Ordnung. Besuchen kann ich sie trotzdem. Wenn ich an dieses Mädchen auf dem Pferd denke, weiß ich für einen Moment wieder, wie sich das anfühlt: eine Idee haben und einfach anfangen, ohne vorher zu prüfen, ob sie gut genug ist.
Und dann gehe ich zurück in mein Leben und stricke eine Runde.
Vielleicht ist das das größte Geschenk unserer Kindheit. Sie erinnert uns daran, dass dieser Mensch einmal in uns gelebt hat. Und dass er noch immer da ist.
Manche Erinnerungen erzählen mehr über unser heutiges Leben, als wir zunächst vermuten
Welches Bedürfnis von damals meldet sich bei dir? Schreib es mir gern in die Kommentare.
Und wenn du magst, probiere einmal etwas aus: Lass bei deiner nächsten Autofahrt Musik, Podcast und Handy einfach weg. Vielleicht kommt nach zehn Minuten eine Idee vorbei, für die du eine ganze Straße zusammentrommeln müsstest.
Häufige Fragen
Was sind Morgenseiten?
Die Idee der Morgenseiten stammt aus Julia Camerons Buch „Der Weg des Künstlers“. Die Übung ist denkbar einfach: Du schreibst jeden Morgen drei Seiten mit der Hand voll, gleich nach dem Aufstehen, und zwar alles, was dir durch den Kopf geht. Die Einkaufsliste, der Ärger von gestern, die Frage, ob das hier überhaupt Sinn hat. Es gibt kein Thema, keine Form und keine Bewertung, und niemand liest die Seiten, du selbst am Anfang auch nicht. Genau das ist der Punkt: Morgenseiten sind kein Tagebuch und kein Text, der etwas werden soll. Sie räumen den Kopf frei, bevor der Tag ihn füllt.
Was ist ein Künstlertreff?
Auch das ist ein Impulsvon Julia Cameron. Ein Künstlertreff ist eine feste Verabredung mit dir selbst, einmal in der Woche, allein: eine Ausstellung, ein Trödelmarkt, ein Stoffladen, ein Waldstück, das du noch nie gesehen hast. Wichtig sind zwei Regeln. Du gehst wirklich allein, und du gehst ohne Zweck. Kein Recherchetermin, kein Einkauf, den du sowieso erledigen musst. Cameron beschreibt das als Auffüllen des kreativen Brunnens: Wer ständig schöpft, muss auch etwas hineingeben.
Warum hören Erwachsene auf zu spielen?
Meiner Erfahrung nach hören wir nicht auf, weil uns die Zeit fehlt. Wir hören auf, weil sich zwischen uns und das Spiel eine Bewertung schiebt. Lohnt sich das? Kann ich das überhaupt? Was denken die anderen? Kinder stellen diese Fragen nicht, sie fangen einfach an. Bei Erwachsenen läuft die Bewertung automatisch mit, oft schneller, als wir sie bemerken. Und weil sie automatisch läuft, hilft mehr Freizeit auch nicht weiter – ein freier Nachmittag löst das Problem nicht, wenn ich ihn sofort wieder verplane.
Macht Langeweile wirklich kreativ?
Dafür gibt es zumindest Hinweise. Die Psychologinnen Sandi Mann und Rebekah Cadman haben Menschen erst eine ausgesprochen langweilige Aufgabe erledigen lassen und danach kreative Aufgaben gestellt. Die Gelangweilten schnitten anschließend besser ab. Ein einzelnes Experiment beweist nichts endgültig, und Langeweile fühlt sich auch selten produktiv an, während man sie aushält. Aber es passt zu einer Beobachtung, die die meisten von uns selbst gemacht haben: Ideen kommen unter der Dusche, auf langen Autofahrten, beim Kartoffelschälen. Nie dann, wenn wir sie brauchen.
Wie finde ich heraus, welche Bedürfnisse hinter meinen Kindheitserinnerungen stecken?
Das ist eine klassische Frage der Biografiearbeit, und du kannst sie mit Papier und zwanzig Minuten selbst angehen. Nimm eine Erinnerung, die dir besonders lebendig geblieben ist, und beschreib sie so konkret wie möglich: Wo warst du, wer war dabei, was hast du gehört und gerochen. Dann schreib auf, was du in dieser Situation konntest – nicht, was du gemacht hast. Aus „wir haben ein Theaterstück aufgeführt“ wird dann zum Beispiel: mich stundenlang vertiefen, mir etwas ausdenken, mit anderen zusammen etwas erschaffen. Diese Liste ist der eigentliche Fund. Frag dich zum Schluss bei jedem Punkt: Wann habe ich das zuletzt erlebt? Dort, wo es lange her ist, meldet sich ein Bedürfnis.
2 Kommentare zu „Man kann seine Kindheit nicht wiederholen. Nur besuchen.“
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Danke für diesen schönen Artikel! Du hast mich damit direkt an meine eigene Kindheit erinnert, in der ich es ebenfalls geliebt habe, Indianer zu spielen. 😊
Ich habe selbst bis heute so ein inneres Kind in mir, das manchmal einfach spielen gehen möchte. Wahrscheinlich habe ich mir auch deshalb einen Beruf mit Kindern ausgesucht – damit ich mich diesbezüglich hin und wieder ganz unbeschwert „austoben“ und vielleicht auch die ein oder andere Fähigkeit oder Eigenschaft aus dieser Zeit wieder lebendig werden lassen kann.
Ich wünsche dir für die Sommerferien ganz viel Freude beim Malen, beim Künstlertreff und bei allem, was daraus vielleicht noch entsteht! 🎨✨
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Liebe Carina,
wie schön, dass dich der Artikel an deine eigenen Spiele in der Kindheit erinnert hat. 😊 Und ich musste schmunzeln bei deinem Gedanken, dass du dir vielleicht auch deshalb einen Beruf mit Kindern ausgesucht hast. Da ist tatsächlich etwas dran: Kinder erinnern uns oft ganz selbstverständlich an Fähigkeiten, die wir als Erwachsene leicht aus dem Blick verlieren.
Ich wünsche dir, dass dein inneres Kind sich auch weiterhin immer wieder austoben darf – nicht nur im Beruf, sondern auch ganz für dich. Danke für deine lieben Wünsche. Ich bin selbst sehr gespannt, was in dieser freien Woche entstehen wird. 🎨✨
Von Herzen
Pia
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Pia Hübinger ist Pädagogin, Coach und Trainerin für Achtsamkeit, Mitgefühl und achtsamkeitsbasierte Kommunikation. In ihrer Arbeit verbindet sie westliche und buddhistische Psychologie, Körperweisheit und Nervensystemarbeit zu einem heilsamen Prozess des Wieder-Ganz-Werdens. Sie ist davon überzeugt, dass Heilung und Veränderung dort beginnen, wo wir aufhören, uns selbst zu bekämpfen und lernen, uns mit liebevoller Präsenz zu begegnen.
Ihr Ansatz Radical Belonging verbindet psychologische Klarheit mit der Bereitschaft, auch schwierigen Erfahrungen nicht auszuweichen. Sie erteilt keine Diagnosen und keine Ratschläge, sondern schafft einen Rahmen, in dem Menschen ihrem eigenen Erleben begegnen können. Unzensiert, unverstellt, ungefällig. Denn nur wenn Veränderung an die eigene Erfahrung angebunden ist, hat sie Bestand.
Mehr über die Autorin erfährst du hier.



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