Adventskalender: Sei dir gut! Mit Freude und innerer Balance durch den Advent

Gewaltfolgen im Nervensystem: Fallbeispiel einer Lehrerin und wie Scham, Stress und Erschöpfung entstehen

Das Bild zeigt einen kahlen, dunklen Raum. An die Betonwand gelehnt sitzt ein Mensch, der eine Mütze trägt und sein Gesicht in seinen Armen verbirgt. Das Bild trägt den Titel: Folgen von Gewalt im Nervensystem. Ein Fallbeispiel

Ein Beitrag zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen

Gewalt hinterlässt eine weitaus komplexere und dauerhaftere Signatur im menschlichen System, als es die sichtbaren Blessuren oder die anfängliche psychische Erschütterung vermuten ließen. Sie ist nicht bloß eine Erinnerung; sie ist eine tiefgreifende Umprogrammierung der körpereigenen Sicherheitsarchitektur. Das autonome Nervensystem, jenes archaische Steuerungselement, das unbewusst über Leben und Tod entscheidet, wird in den Momenten der Bedrohung geschult, eine Überlebenslogik zu etablieren. Diese Logik, die damals essentiell war, um das Überleben zu sichern, manifestiert sich Jahre später als eine chronische Hypervigilanz . Damit ist eine ständige innere Alarmbereitschaft gemeint, die selbst in neutralen Situationen einen potenziellen Feind wittert.

Diese veränderte Wahrnehmung, die Stephen Porges als Neurozeption beschreibt, sorgt dafür, dass das System nun subtile Signale wie eine leichte Veränderung der Tonlage, ein schnelles Handzeichen oder ein missbilligender Blick nicht mehr als harmlose soziale Information verarbeitet. Stattdessen werden diese Reize sofort in das Register „Gefahr!“ eingeordnet. Der Mensch lebt fortan nicht nur in der Gegenwart, sondern in einem ständigen Echo der Vergangenheit. Beziehungen werden zu Minenfeldern. Entspannung wird zu einem unerreichbaren Zustand, denn das Nervensystem hat gelernt: Sicherheit ist die Ausnahme, Bedrohung die Regel.

Diese innere Zerrissenheit – das kognitive Wissen, dass man in Sicherheit ist, während der Körper auf sympathische Flucht- oder Kampfreaktionen schaltet – ist zutiefst erschöpfend. Sie führt zu einem Zusammenbruch der Regulationsfähigkeit, der sich nicht nur in Erschöpfung und Burnout äußert, sondern auch in der unwillkürlichen Wiederholung alter Schutzmuster, die im aktuellen Leben destruktiv wirken. Am Orange Day, der unseren Blick auf die Gewalt gegen Frauen und ihre weitreichenden Folgen lenkt, möchte ich genau diesen psychophysiologischen Niederschlag beleuchten. Der nachfolgende Fallbeispiel zeigt auf eindringliche Weise, wie diese inneren Spuren im beruflichen und persönlichen Alltag zur Krise werden können. Und wie ein sicherer Beziehungsraum es ermöglicht, die alte Überlebenslogik schrittweise zu besänftigen und eine tiefgreifende innere Neuorientierung einzuleiten.

Fallbeispiel: Wie eine Lehrerin durch alte Scham- und Stressmuster in die Erschöpfung rutschte

Der Auslöser

Als Christiane* mich kontaktierte, war sie nicht nur erschöpft, sondern regelrecht verzweifelt. Sie befand sich bereits seit drei Wochen im Krankenstand. Sie sei Lehrerin an einem Gymnasium, doch sie habe das Gefühl, ihren Kolleg*innen nicht wieder unter die Augen treten zu können.

Der Auslöser für dieses starke Empfinden war das zufällige Mithören eines Kommentars. Ein Kollege äußerte einem anderen gegenüber, sie sei eine „schwierige Persönlichkeit“, mit der man nicht zusammenarbeiten könne. Für die meisten Menschen wären diese Worte verletzend gewesen. Für Christianes hochsensibilisiertes Nervensystem war dies jedoch ein Angriff auf ihren Kern. Es war eine gnadenlose Bestätigung ihrer Angst: Du bist falsch. Du gehörst nicht dazu. In diesem Moment brach die jahrelang aufrechterhaltene Panzerung zusammen. Sie packte ihre Sachen, meldete sich krank und verließ fluchtartig das Schulgebäude. Sobald die Schule außer Sichtweite war, fuhr sie rechts ran. Sie zitterte am ganzen Körper, bekam kaum Luft, alles in ihr zog sich zusammen. Ihr Körper hatte die Notbremse gezogen.

Die nächsten Wochen waren geprägt von Gefühlen der körperlichen Schwäche, Erschöpfung und tiefsitzender Scham. Ihr Arzt schrieb sie krank und riet ihr, sich psychologische Unterstützung zu suchen. Das wollte sie zunächst nicht. Sie glaubte, sie müsse sich nur einfach zusammenreißen. Doch sie merkte zunehmend: Es wurde nicht besser. Sie erinnerte sich, dass sie während ihres Studiums bei mir in der Beratungssprechstunde an der Uni war wegen ihrer Prüfungsangst. Da diese Unterstützung für sie damals sehr hilfreich war, recherchierte sie und stellte fest, dass ich inzwischen in eigener Praxis arbeite. Die Möglichkeit des Online-Coachings, das räumlich und kontextuell weit genug von ihrem beruflichen und privaten Umfeld entfernt war, ermöglichte ihr schließlich den Mut für den ersten, überaus schweren Schritt, Unterstützung zu suchen.

Um zu verstehen, warum ein einziger Satz einen solchen Zusammenbruch auslösen konnte und Chrisitane in tiefe Scham verfiel, müssen wir tief in ihre biografische Prägung blicken. Denn die Diskrepanz zwischen ihrem Wunschselbstbild und der archaischen Logik ihres Körpers hatte eine lange, schmerzhafte Vorgeschichte.

Christianes biografischer Code

Christianes Leben war früh von der Erfahrung des fundamentalen Ausgeliefertseins geprägt. In ihrer Jugend machte sie einschneidende Erfahrungen mit Ausgrenzung, Einsamkeit und Erniedrigung. Sie war über Monate hinweg das Ziel von gnadenlosem Mobbing. Eine Gruppe Gleichaltriger demütigte sie systematisch, nicht nur verbal wegen ihres Aussehens, sondern auch durch entwürdigende Rituale. Sie nahmen ihr den Ranzen weg und warfen ihn in den Dreck. Sie beschmierten die Tafel mit verletzenden Kommentaren über sie. Bei einer anderen Gelegenheit umzingelten die Täter Christiane und stießen sie in der Gruppe hin und her. Diese körperliche und soziale Isolation verankerte die Erfahrung von Ohnmacht und existenzieller Scham zutiefst in ihrem System. Das Perfide: Die Täter*innen vermittelten ihr das toxische Gefühl, selbst schuld zu sein, da sie ja „hässlich und dick“ sei. Dieses Gefühl grub sich tief in ihr Selbstbild ein. Die selbstabwertende und schmerzhafte Frage „Was stimmt nicht mit mir?“ begleitete sie fortan immer wieder.

Zuhause fand Christiane keinen emotionalen Halt zur Regulation. Der Vater war ein impulsiver, cholerischer Mann. Er rastete häufig wegen Kleinigkeiten aus und dominierte das Umfeld durch lautes Herumbrüllen, wenn Dinge nicht seinen Vorstellungen entsprachen. Obwohl das Verhältnis zur Mutter liebevoll war, war diese häufig überfordert und emotional labil. Christiane reagierte darauf mit einer parentifizierten Überlebensstrategie. Sie übernahm früh die Rolle der vernünftigen, selbstständigen Tochter. Dadurch lernte sie, die Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen.

Als sie einmal die Attacken, denen sie in der Schule und auf dem Heimweg ausgesetzt war, zur Sprache brachte, erhielt sie weder Trost noch Schutz. Ihr Vater riet ihr, sich zu wehren oder einfach wegzugehen. Damit ignorierte er die psychische und soziale Komplexität der Situation und wies die Verantwortung vollständig von sich. Ihre Mutter fragte hingegen, ob Christiane wirklich nichts getan habe, das die Mitschüler*innen so reagieren ließe. Sie riet ihr, nicht zu zeigen, dass es sie verletze, und stellte das Erlebte mit der Frage „Ob es wirklich so schlimm sei oder sie nur zu sensibel sei“ in Frage.

Diese Reaktionen der wichtigsten Bezugspersonen führten zu einer sekundären Traumatisierung durch Invalidierung. Darunter versteht man die erschütternde Erfahrung, dass das erlittene Leid oder die emotionalen Bedürfnisse vom engsten Umfeld geleugnet, heruntergespielt oder verurteilt werden. Diese Erfahrung bestätigte Christiane die schmerzhafte Lektion: Die Welt ist gefährlich, und du bist mit deinem Schmerz allein. Das System lernte, dass die Äußerung der eigenen Not nicht nur nicht gesehen, sondern sogar eine Gefahr darstellte.

So schloss Christiane ihre Jugend als eine junge Frau ab, die innerlich isoliert war, eine innere Panzerung aus Disziplin und emotionaler Zurückhaltung errichtet hatte und deren Hoffnungen sich auf die Zukunft richteten. Eine Zukunft, die vor allem Sicherheit versprach.

Der Preis der Überlebensstrategie im Erwachsenenalter

Die innere Logik der Panzerung, die Christiane entwickelt hatte, diktierte nun ihre Lebensentscheidungen. Nach Jahren der sozialen Ohnmacht und des emotionalen Alleinseins suchte Christiane instinktiv nach einem Umfeld, das das genaue Gegenteil ihrer schmerzhaften Jugend versprach.Ihr Berufswunsch als Lehrerin war eine direkte Antwort auf diese biografischen Prägungen. Die Schule war ein vertrauter Ort mit der Verlässlichkeit eines Systems, in dem Rollen klar verteilt sind. Sie wollte zurückkehren, diesmal jedoch in einer neuen Rolle. Nicht als verletzliches Mädchen, das sich durch den Tag kämpfte, sondern als „Respektsperson“, die vorne steht, Aufgaben verteilt, Entscheidungen trifft.

Auf der bewussten Ebene war es ihr Wunsch, Jugendlichen die Lehrerin zu sein, die sie selbst so dringend gebraucht hätte. Doch zugleich suchte sie unbewusst eine Form von Autorität, die sie nicht aus natürlicher Sicherheit beziehen musste, sondern die ihr aus der Rolle heraus zustand. Aus der Position, die im System Schule per Definition mit Macht und Distanz verbunden ist. Diese Art von Autorität fühlte sich für sie kontrollierbar an, während echte Nähe für ihr Nervensystem zu unberechenbar war.

Besonders ein Satz verdeutlichte ihre innere Zerrissenheit: „Die Schülerinnen und Schüler müssen mich nicht mögen, sie sollen etwas von mir lernen.“ Diese Haltung, die sie als professionelle Distanz begründete, war in Wahrheit ein tief sitzender Schutzmechanismus. Er diente dazu, die Scham einer möglichen erneuten Ablehnung im Keim zu ersticken, indem sie die emotionale Relevanz der Schüler*innen abwertete.

Gleichzeitig sehnte sich ihr ganzes System nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Wertschätzung. Um diese tiefe Sehnsucht zu stillen, strengte sich Christiane in allen sozialen Beziehungen besonders an. Sowohl im Kontakt mit ihren Kommiliton*innen im Studium als auch mit ihren späteren Kolleg*innen bemühte sie sich, besonders hilfsbereit, verlässlich und kompetent zu sein. Auf diesem Weg versuchte sie, sich die bedingungslose Zugehörigkeit zu „verdienen“, die ihr in der Jugend verwehrt blieb.

Doch diese chronische Überanstrengung – ein weiterer Ausdruck ihrer unbewussten Überlebenslogik – führte nicht wie erhofft zu innigen Freundschaften oder einer verlässlichen Partnerschaft, sondern zur Erschöpfung.

Wenn Erschöpfung chronisch wird

Mit zunehmender Belastung zeigte sich, wie stark ihre frühen Erfahrungen ihre Reaktionen im Schulalltag prägten. Ihr System war morgens schon angespannt, lange bevor der erste Schüler den Raum betrat. Sie wollte präsent und klar sein, doch je erschöpfter sie wurde, desto weniger gelang es ihr, die notwendige innere Stabilität aufzubringen. Die äußere Struktur gab ihr Halt, aber im Inneren war sie zunehmend fragil.

Im Schulalltag zeigte sich dieser Zustand besonders deutlich. Jedes regelabweichende Verhalten – ein Augenrollen, ein provokante Kommentar, unruhiges Tuscheln – trafen sie unverhältnismäßig stark. Nicht weil sie zu empfindlich war, sondern weil ihr Nervensystem diese jugendliche Dynamik auf einer anderen Ebene speicherte als ihr Verstand.

Hier lag die eigentliche Tragik: Christiane arbeitete täglich mit jungen Menschen in der Pubertät, deren Entwicklungsauftrag es ist, Grenzen auszuloten, zu widersprechen, Autonomie zu erproben. Die Neurozeption – die unbewusste Gefahrenwahrnehmung des Nervensystems – interpretierte diese völlig normale Dynamik jedoch nicht als Ausdruck normaler jugendlicher Entwicklung, sondern als direkte Wiederholung der Bedrohungen von damals.

Ihr Körper reagierte nicht auf den Schüler von heute, sondern auf die Mobber-Clique ihrer Jugend. In den entscheidenden Momenten schaltete das System um. Das ventrale Vagus-System, das für soziale Verbundenheit nötig wäre (nach Stephen Porges‘ Polyvagaltheorie), zog sich zurück. Die sympathische Überlebenslogik übernahm. Ihr Körper ging in Alarm, ohne dass sie selbst verstand, warum.

Die Folge war ein unwillkürlich harscher und strenger Umgang mit den Schüler*innen. Die Schärfe in ihrer Stimme, das sofortige Durchgreifen, die strengen Konsequenzen waren der verzweifelte Versuch, die Kontrolle über den Raum zu erzwingen, um die innere Panik in Schach zu halten. Sie handelte nicht aus Böswilligkeit, sondern aus der archaischen Logik der Angst.

Das Verhalten blieb nicht ohne Wirkung. Schüler*innen reagierten mit Widerstand, Eltern mit Kritik, einige Kolleg*innen mit Unverständnis. Dies bestätigte aus ihrer Perspektive das alte Muster: „Ich gehöre nicht dazu. Ich mache etwas falsch. Ich bin nicht gut genug“ Das Wissen darum, dass es andere Möglichkeiten gäbe, verschärfte den inneren Konflikt zusätzlich, denn sie konnte in den entscheidenden Momenten nicht darauf zugreifen. Genau das ist eines der zentralen Kennzeichen eines traumatisch dysregulierten Nervensystems: Die Einsicht ist da, aber sie konditionierten Gewohnheitsmuster wirkten stärker.

Christianes System führte täglich einen Kampf, der nichts mit ihren Schüler*innen zu tun hatte und doch in jedem Kontakt mit ihnen wieder spürbar wurde. Zu Hause brach sie regelmäßig ein. Sie verlor die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen oder einfache Tätigkeiten zu beginnen. Hobbys pflegte sie schon seit Jahren nicht mehr und Treffen mit Freundinnen fanden nur noch sporadisch in den Ferien statt. Ihre gesamte Energie floss in die Aufrechterhaltung ihrer Rolle – und sobald die Rolle wegfiel, brach alles zusammen. Die Nachmittage und Abende waren geprägt von tiefer Erschöpfung, innerer Leere und gleichzeitig innerer Unruhe. Und nachts begann ihr Gedankenkarussell zu kreisen. Konflikte und Gespräche liefen wieder und wieder durch ihren Kopf in dem Versuch, nachträglich Kontrolle zu gewinnen.

Und genau auf diesen Boden fiel schließlich die Bemerkung des Kollegen, sie sei eine „schwierige Persönlichkeit“. Ein Satz, der für viele ein unbedachter Kommentar gewesen wäre, traf bei ihr auf ein über Jahre angespanntes System, das ohnehin um Stabilität rang. Für Christiane war dieser Satz vernichtend. Er verstärkte die alte Überzeugung, nicht dazuzugehören, und löste den Zusammenbruch der mühsam aufrecht gehaltenen Fassade aus.

Der sichere Beziehungsraum

Als Christiane zu mir kam, wirkte sie erschöpft und innerlich angespannt. Ihr vorrangiges Anliegen war, einen Weg zu finden, wie sie ihren Kollegen wieder begegnen könnte, ohne die Fassung zu verlieren. Doch ihr Körper zeigte sofort, dass dafür im Moment kaum Spielraum war. Ihre Stimme zitterte, sie war nervös und fahrig, Augenkontakt kaum möglich. Sie sprach schnell, rechtfertigte sich, noch ehe ich überhaupt etwas erwidern konnte und sprang zwischen ihren Gedanken hin und her. Das sind Zeichen eines Nervensystems, das versucht, sich über Geschwindigkeit und Kontrolle zu stabilisieren, weil es keinen anderen Zugang mehr kennt.

Zunächst blieb sie auf der Sachebene. Sie wollte erklären, analysieren, verstehen. Diese Form der Distanz ist typisch für Menschen, deren chronische Überforderung lange unbemerkt blieb. Gedanken bieten Ordnung, während das, was darunter liegt, ungleich schwerer zu halten ist. Für Christiane fühlte sich dieser Zugang vertraut an. Auf den Körper zu hören und ihre Gefühle zu fühlen, hätte bedeutet, alte Erfahrungen zu berühren, die zu schmerzvoll waren.

Damit sie wieder näher an ihr Erleben herankommen konnte, verlangsamte ich behutsam das Tempo. Ein überreiztes Nervensystem kann sich nur dann neu orientieren, wenn es auf ein Gegenüber trifft, das nicht auf das Gedankenkarussell aufspringt und es noch weiter antreibt. Erst dadurch entsteht überhaupt die Möglichkeit, etwas zu spüren, ohne überwältigt zu werden.

Erst einige Sitzungen später konnte Christiane vorsichtig andeuten, was ihre heutige Reizbarkeit und Anspannung mitgeprägt hatte. Sie erwähnte die Mobbingerfahrungen aus ihrer Jugend – ein Thema, das sie Jahrzehnte lang gemieden hatte. Als sie die ersten Sätze dazu sprach, war spürbar, wie sehr sie meine Reaktion prüfte. In ihrer Vergangenheit waren ihre Verletzungen oft kleingeredet oder abgetan worden.

Dass ich nicht relativierte, nicht beschönigte und nicht vorschnell deutete, war für sie ein deutliches Signal. Sie wagte zum ersten Mal, über ihre tief sitzende Scham, die Ohnmacht, ihre Wut zu sprechen. Vorsichtig, zögernd, fast so, als könnte jedes Wort ihr erneut zum Verhängnis werden. Ich blieb mit ihr im Kontakt, ohne auszuweichen und ohne ihre starken Gefühle zu relativieren. Es gab keine Frage, was sie „anders hätte machen sollen“, keinen leisen Zweifel, ob ihre Wahrnehmung vielleicht übertrieben sei. Genau diese Art von Präsenz machte es ihr möglich, weiterzusprechen, ohne in die alte Scham zurückzufallen.

In meiner Arbeit nenne ich diese Haltung Radical Belonging. Ein Raum, in dem ein Mensch nicht nur gedanklich, sondern mit seinem gesamten Erleben Platz haben darf. Es ist eine Form der Beziehungsgestaltung, die Menschen ermöglicht, im Kontakt zu bleiben, während sie von ihrem Schmerz erzählen. In diesem Artikel habe ich Haltung und Praxis von Radical Belonging ausführlich beschrieben.

Christianes Weg zur inneren Neuorientierung begann also nicht mit einer neuen kognitiven Strategie, sondern mit einer tiefgreifenden, körperlich spürbaren Erfahrung von Sicherheit. Der Schlüssel lag in der Etablierung eines konsistent sicheren Beziehungsraumes. Durch die beständige, resonante Anwesenheit eines regulierten Gegenübers erfährt das dysregulierte System einen externen Anker. Dieser stabile Anker ermöglichte es Christiane, im Kontakt zu bleiben, anstatt wie gewohnt in Angriff oder Flucht zu kippen.

Nach und nach erkannte Christiane auch den scharfen inneren Ton, der sie ständig antreiben und korrigieren wollte. Schrittweise erkannte sie, dass sie in belastenden Situationen Unterstützung statt inneren Druck brauchte. Aus dieser Einsicht entwickelte sich Selbstmitgefühl, eine freundliche Haltung sich selbst gegenüber, die ihr half, mit sich selbst so zu sprechen, wie sie es mit einer guten Freundin tun würde.

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Wenn du erfahren möchtest, wie ein erster Schritt in diese Richtung aussehen kann, findest du in meinem Freebie „Selbstmitgefühl to go“ eine alltagstaugliche Einführung inklusive Audio-Anleitung.

Christiane verstand nun nicht nur intellektuell, dass ihre Härte eine alte, verzweifelte Schutzmaßnahme war; sie konnte diese Erkenntnis körperlich integrieren. Das Bewusstsein, getragen von der Resonanz des sicheren Raumes, beendete den Kampf gegen die eigenen Symptome. Die massive Energie, die sie jahrzehntelang in die Aufrechterhaltung ihrer innere Panzerung gesteckt hatte, wurde langsam freigesetzt. Dies war der tiefgreifende Beginn der inneren Entlastung.

Gewalt hinterlässt Spuren: Was Christianes Weg uns am Orange Day lehrt

Am Orange Day erinnern wir uns daran, dass Gewalt gegen Frauen nicht ausschließlich in sichtbaren Verletzungen oder eindeutigen Grenzverletzungen besteht. Viele der Folgen zeigen sich erst Jahre später im Körper, im Nervensystem, in Beziehungen und im Alltag. Christianes Geschichte verdeutlicht, wie tief solche Erfahrungen wirken können: als dauerhafte Alarmbereitschaft, als Überanpassung, als Scham, als Härte gegen sich selbst und als chronische Erschöpfung. Gewalt prägt nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Art, wie ein Mensch Nähe einschätzt, Kritik verarbeitet oder auf alltägliche Anforderungen reagiert.

Dass Christiane heute wieder an ihrer Schule unterrichtet, ist das Resultat innerer Stabilisierung. Der entscheidende Wandel lag nicht darin, eine perfekte Strategie zu entwickeln, wie sie ihren beiden Kollegen gegenübertreten sollte. Diese Frage verlor für sie im Laufe des Prozesses an Bedeutung, weil sie die abwertende Bemerkung nun dort lassen konnte, wo sie hingehörte: bei den Personen, die sie ausgesprochen hatten.

Für Christiane wurde der Schulalltag dadurch leichter. Herausforderndes Schülerverhalten und Kritik trafen sie nicht mehr ungebremst im Nervensystem, sondern konnten geprüft und eingeordnet werden. Auf dieser Basis konnte sie neue, hilfreichere Reaktions- und Handlungsmuster entwickeln. Die ständige innere Anspannung wich ganz allmählich und damit erweiterte sich ihre Welt. Sie traf wieder Freundinnen, gönnte sich Pausen, ging nach dem Unterricht spazieren.

Christianes Geschichte steht stellvertretend für viele Frauen, die gelernt haben, in der Welt zu funktionieren, während ihr Körper seit Jahren Signale sendet, die kaum jemand sieht. Oft nicht einmal sie selbst. Der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen erinnert daran, dass wir genauer hinsehen müssen: Gewalt hinterlässt Spuren, die oft erst dann ernst genommen werden, wenn sie das Leben eines Menschen spürbar einengt. Doch es ist möglich, durch verlässliche Beziehung, durch das Verstehen der eigenen Reaktionen und durch eine Haltung, die Scham den Nährboden entzieht, diesen inneren Druck zu lösen.

Wenn du selbst spürst, dass alte Erfahrungen sich in deinem Alltag bemerkbar machen – in der Art, wie du kritische Situationen wahrnimmst, dich selbst beurteilst oder dich erschöpfst –, dann kann eine achtsame, körperorientierte Begleitung hilfreich für dich sein.

In meinem Kalender findest du freie Termine für ein unverbindliches Kennenlerngespräch, und ich begleite dich gerne dabei, wieder Zugang zu innerer Ruhe, Klarheit und Selbstvertrauen zu finden.

*Name geändert. Meine Klientin hat den Text vorab gelesen und ist mit der Veröffentlichung einverstanden.

4 Antworten zu „Gewaltfolgen im Nervensystem: Fallbeispiel einer Lehrerin und wie Scham, Stress und Erschöpfung entstehen“

  1. Avatar von Katja Paola Schoonbergen

    Liebe Pia,

    Dein Artikel hat mich heute tief berührt – nicht laut, sondern in dieser leisen, warmen Art, die lange nachklingt.

    Vielleicht, weil ich diese inneren Landschaften aus meiner eigenen Arbeit und meinem eigenen Weg gut kenne.
    Vielleicht hat er mich deshalb so erreicht, weil wir ein ähnliches „Warum“ teilen: das Bedürfnis, Licht zu halten, innere Bewegungen ernst zu nehmen und Menschen durch ihre Übergänge zu begleiten.
    Ich nenne es gerne Herzglanz in die Welt bringen – gerade in Zeiten, in denen es außen oft laut zugeht.

    Du beschreibst den Weg deiner Klientin mit so viel Klarheit, Würde und feiner Wahrnehmung, dass man spürt, wie achtsam du Räume hältst. Zwischen deinen Zeilen wird sehr deutlich, welches Menschenbild dich trägt.

    Danke, dass du diesen Prozess so respektvoll sichtbar machst.
    Ich werde deinen Beitrag sicher nicht zum letzten Mal gelesen haben. ✨

    Herzliche Grüße
    Katja

    1. Avatar von Pia Hübinger

      Liebe Katja,

      herzlichen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, so aufmerksam mitzulesen und den Prozess hinter dem Text wahrzunehmen.

      Ich glaube, wir kennen ähnliche Innenwelten und ähnliche Arbeitsfelder: Dieses behutsame Wahrnehmen von Übergängen, das Ernstnehmen von inneren Bewegungen, die oft kaum Sprache haben, bevor sie begleitet werden. Vielleicht berührt mich deshalb besonders, was du über das Menschenbild schreibst, denn genau dort liegt für mich der Kern dieser Arbeit: Räume zu schaffen, in denen Menschen sich nicht erklären oder rechtfertigen müssen, sondern einfach da sein dürfen.

      „Herzglanz“ gefällt mir übrigens sehr!

      Herzliche Grüße
      Pia

  2. Avatar von Katrin

    Liebe Pia,
    vielen Dank für deinen einfühlsamen und bewegenden Artikel, der beispielhaft zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist. Besonders berührt hat mich die Geschichte von Christiane, die die Realität vieler Betroffener eindrucksvoll widerspiegelt. Zunächst war ich skeptisch, ob Christiane wirklich so gut geholfen werden könnte, aber es ist großartig zu sehen, dass es möglich war. Das ist äußerst ermutigend und gibt Hoffnung. Ich wünsche mir, dass noch viele Menschen durch deine Arbeit inspiriert werden, ihre eigenen Erfahrungen zu reflektieren und Unterstützung zu suchen.
    Alles Gute von Katrin

    1. Avatar von Pia Hübinger

      Liebe Katrin,

      vielen Dank für deinen sehr wertschätzenden Kommentar.

      Deine Skepsis zu Beginn – ob Christiane wirklich so weit würde gehen können – berührt mich besonders, denn genau das kenne ich aus vielen Begleitungen: dass der Schmerz, den Menschen erlebt haben, oft so überwältigend erscheint, dass Veränderung kaum vorstellbar ist. Und doch zeigt sich immer wieder, wie unglaublich widerstandsfähig wir als Menschen sind. Wir können schwere Erfahrungen überstehen, wir können uns neu orientieren und manchmal sogar eine Tiefe und Klarheit in uns finden, die uns vorher nicht zugänglich war.

      Aber das Entscheidende ist, was du selbst indirekt ansprichst: Wir müssen das nicht allein schaffen. Und oft können wir es auch nicht allein.
      Manchmal kommen wir trotz aller Bemühungen nur bis zu einem gewissen Punkt, bevor es jemanden braucht, der mit uns zusammen dort hinschaut, wo es sich alleine zu gefährlich, zu viel oder zu unklar anfühlt. Manchmal ist es erst die regulierende Präsenz eines anderen Menschen, die ermöglicht, dass vergangene Erfahrungen sich überhaupt bewegen dürfen. Dass wir Erfahrungen berühren können, die wir einst nur überstanden haben, und sie jetzt in Beziehung neu verhandeln.

      Christianes Weg zeigt, wie heilsam ein Gegenüber sein kann: ein Mensch, der mitschwingt, der nichts erzwingt, der bleibt, wenn es anstrengend wird, und der mit unerschütterlicher Zuversicht Halt gibt, bis im Inneren wieder etwas Eigenes spürbar wird.

      Ich teile deinen Wunsch, dass viele Menschen den Mut finden, sich Unterstützung zu holen. Nicht, weil sie „es nicht allein schaffen“, sondern weil wir als Menschen eben auf Beziehung hin angelegt sind. Und weil Veränderung manchmal im Zusammenspiel entsteht: dort, wo zwei Nervensysteme sich treffen und gemeinsam etwas halten, was alleine zu schwer wäre.

      Von Herzen
      Pia

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