JOY UNLEASHED! Freude im Alltag zurückerobern. – Onlinekurs – Beginn: 4. März

Pia Hübinger

Praxis für kontemplative Psychologie

Köln - Bonn - Siegburg

Pia Hübinger

Praxis für kontemplative Psychologie

Köln - Bonn - Siegburg

Ein Schiff voller Unzufriedener

Oder: Tipps für mehr Zufriedenheit im Urlaub

Es ist Sommer. Wir verbringen dieses Jahr eine Woche unseres Sommerurlaubs gemeinsam mit meinen Schwiegereltern auf einem Kreuzfahrtschiff. Meine Schwiegereltern feiern während dieser Reise ihre Goldene Hochzeit und haben sich gewünscht, diesen besonderen Anlass auf diesem Schiff mit ihrem Sohn, ihren drei Enkel*innen und mir zu feiern.

50 Jahre Ehe. Mit allen Höhen und Tiefen, die ein menschliches Leben mit sich bringt. Das ist wahrhaftig ein Grund zu feiern und diese Leistung zu würdigen.

Es ist ein großes Schiff mit wahnsinnig vielen Menschen drauf. Klar, denn wir befinden uns mitten in den Sommerferien, also der Hauptreisezeit von Familien mit schulpflichtigen Kindern.

Auf dem Schiff ist an Luxusausstattung alles vorhanden, was das Herz begehrt. Zwei Wasserrutschen, mehrere Pools, eine Vielzahl an Restaurants und Bars, eine Veranstaltungsbühne, ein Indoor-Spielplatz, eine Boulderwand, ein Spa-Bereich, ja sogar eine Minigolfanlage und ein Fitness-Studio mit vielen Ausdauer- und Kraftgeräten.

Hunger haben wir bereits ab dem ersten Tag nicht mehr wirklich. So groß, vielfältig und lecker ist das Angebot.

Und dennoch: An den Buffets herrscht Ellbogenmentalität. Und Unzufriedenheit. Selten habe ich so viel geballtes Gemecker erlebt. Gemecker, weil die Pancakes nicht umgehend aufgefüllt wurden. Gemecker, weil der Wunschkaffee extra kostet. Gemecker, weil das Rührei nicht den eigenen Vorlieben entspricht und das Brot nicht genau so schmeckt wie vom Lieblingsbäcker daheim.

Ein weiterer interessanter Ort für sozialpsychologische Beobachtungen sind die Fahrstühle. Zugegeben: Auf dem durchoptimierten Schiff stellen sie tatsächlich eine Schwachstelle dar. Man muss mitunter warten. Wenige Minuten. Und manchmal ist ein Aufzug auch voll und man kann nicht zusteigen. Dann kann man einen der anderen Fahrstühle nehmen. Immerhin gibt es insgesamt 22 davon. Oder man nimmt die Treppen.

Zur Erinnerung: Wir befinden uns alle im Urlaub.

Und trotzdem gibt es auch hier jede Menge Unzufriedenheit, Gemecker und mitunter sogar eine leicht aggressive Stimmung.

Woher kommt diese Unzufriedenheit?

Hohe und unrealistische Erwartungen

Die schönste Zeit des Jahres wird häufig überfrachtet mit hohen Erwartungen, die kaum erfüllbar sind. Die Hoffnung, die dahinter steckt: Wenn man schon während der restlichen Zeit im Jahr viel arbeiten, Kompromisse eingehen und Erwartungen erfüllen muss, die andere an einen stellen, dann sollen zumindest die wenigen arbeitsfreien Wochen des Jahres perfekt sein. Schließlich hat man viel Geld investiert.

Doch was bedeutet in diesem Zusammenhang eigentlich perfekt? Perfekt im Sinne von: zu mir und meinen ganz persönlichen Bedürfnissen passend? Oder perfekt im Sinne von: nach außen hin beeindruckend?

Viele Beschwerden auf dem Schiff fallen in Zusammenhang mit den Menschenmassen an Bord. Doch diese sind keine Überraschung. Die Schiffsgröße und die mögliche Menge an Passagieren sind kein Geheimnis, sondern sogar Gegenstand der Werbekampagne des Reiseanbieters. Dass all diese Menschen auch – ebenso wie ich selbst – frühstücken, baden, Aufzug fahren, Landausflüge machen wollen, liegt auf der Hand. Hier treffen unrealistische Erwartungen auf die Realität. Die Realität nicht so akzeptieren zu können, wie sie nun mal ist, ist eine große Quelle für Unzufriedenheit.

Hinzu kommt, dass sich auch im Urlaub zeigt:

Egal wo ich hingehe, ich nehme mich immer selbst mit. Ich bin im Urlaub kein anderer Mensch und die Menschen, mit denen ich verreise, sind auch – im Grunde – die gleichen wie zu Hause.

Wenn meine Ehe oder meine Beziehung zu meinen Kindern konfliktbehaftet ist, dann ändert die Tatsache , dass wir im Urlaub und in einer tollen Umgebung sind, daran nichts. Jedenfalls nicht alleine. Wir müssen, um daran etwas zu ändern, bewusst die Entscheidung treffen, selbst aktiv etwas zu verändern.

Vergleichen als Ursache für Unzufriedenheit

Eine weitere Quelle für die Entstehung von Unzufriedenheit ist das Vergleichen mit anderen. Auf einem Schiff mit so vielen Reisenden gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich zu vergleichen und dadurch schlechter zu fühlen. Warum hat das Kind vor mir so viele Pancakes auf seinem Teller und für mich ist keiner übrig? Warum turtelt das Paar im Aufzug so verliebt miteinander, während ich gerade einen heftigen Streit mit meiner Partnerin oder meinem Partner hatte? Warum kommen die alle in den Shuttle-Bus, für den ich schon so lange anstehe und ich nicht mehr?

Wenn ich mich als einen Menschen wahrnehme, der vom Leben häufig benachteiligt wird oder wurde, dann finde ich überall Beweise für diese Wahrnehmung. Vergleiche mit anderen, denen es (vermeintlich) besser geht, sind eine hervorragende Möglichkeit mit Gelinggarantie, meine eigene Unzufriedenheit zu nähren.

Der Fokus meiner Wahrnehmung

In engem Zusammenhang mit den sozialen Vergleichen steht die Frage nach dem Fokus meiner Wahrnehmung und der Einordnung meiner Erfahrung in ein größeres Ganzes.

In der Zeit unserer Schiffsreise durch das Mittelmeer gingen die Nachrichten von den schweren Wald- und Flächenbränden in Sizilien, Rhodos, Korsika, Kroatien und weiteren Regionen um die Welt. Während wir Rom und Marseille besichtigten, verloren andere Menschen ihre Häuser oder gar ihr Leben. In Relation zu dem Leid der Menschen, die von diesen Bränden unmittelbar betroffen sind, wird das „Leid“ durch das Warten auf Pancakes oder überfüllte Aufzüge verschwindend gering.

Wenn es mir gelingt, meinen Blick zu weiten und eine andere Perspektive einzunehmen, kann ich zu einer neuen, hilfreicheren Bewertung meiner eigenen Situation gelangen. Hilfreicher für mich selbst, weil ich den Fokus verschiebe auf die guten Aspekte meines Erlebens. Und gleichzeitig auch hilfreicher für die Menschen, mit denen ich zusammen bin. Denn wenn ich verärgert bin, bekommen sie meinen Frust und meinen Ärger ab, was sich wiederum negativ auf ihr Erleben auswirkt. Wir haben es selbst in der Hand, ob wir uns auf Unannehmlichkeiten und Ärgernisse fokussieren oder aber unsere Wahrnehmung bewusst auf die positiven Erfahrungen in unserem Leben ausrichten.

Was hilft gegen Unzufriedenheit im Urlaub?

Was können wir aktiv tun, um (nicht nur) im Urlaub nicht von Gefühlen der Unzufriedenheit übermannt zu werden?

1. Den Alltag achtsamer gestalten

Ich persönlich glaube, dass die Hauptursache für unrealistische Erwartungen an die Urlaubszeit darin besteht, dass unser Alltag häufig so erschöpfend ist, dass grundlegende Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Es ist daher lohnenswert, den eigenen Alltag zu erforschen und zu ergründen, wie unsere Bedürfnisse nach Ruhe und Entspannung einerseits sowie Verbundenheit und Inspiration andererseits im alltäglichen Leben einen Platz bekommen können.

2. Sich der eigenen Bedürfnisse bewusst sein

Dieser Punkt hängt eng mit dem ersten zusammen. Wenn wir achtsamer mit uns selbst und anderen Menschen sind, können wir unsere eigenen Bedürfnisse (und die unserer Familienmitglieder oder Freund*innen) besser wahrnehmen und die Gestaltung unseres Urlaubs danach ausrichten. Wie viel Action benötige ich? Wie viel Ruhe? Wie viel Selbstbestimmtheit? Und was brauchen die Menschen, mit denen ich in Urlaub fahre? Mein Partner/ meine Partnerin? Meine Kinder? Die unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen, ist oft gar nicht so einfach. Ein wichtiger erster Schritt ist aber, sich dieser verschiedener Bedürfnisse überhaupt bewusst zu sein. Denn nur dann haben wir die Möglichkeit, bewusst zu wählen, wie wir die gemeinsame freie Zeit miteinander aktiv gestalten.

3. Die Trennung zwischen mir und den anderen aufheben

Wenn wir uns bewusst machen, dass der oder die Andere, ob am Frühstücksbuffet, im Pool, vor dem Fahrstuhl oder im Bus, ebenso wie ich selbst den Wunsch hat glücklich zu sein, können wir statt Neid und Missgunst ein Gefühl von Verbundenheit in uns kultivieren. Das verhilft uns dazu zu erkennen, dass mal der oder die Andere und beim nächsten Mal wir selbst in einer günstigeren (oder aber einer ungünstigeren) Situation sind.

4. Die Erfahrung so annehmen wie sie ist

Egal wie gut wir unseren Urlaub geplant haben: Es wird immer wieder unerwartete Situationen geben, mit denen wir nicht gerechnet haben und die anders sind, als wir es uns gewünscht haben. Wenn wir damit hadern, nähren wir den Ärger und die Unzufriedenheit in uns. Wenn es uns jedoch gelingt, die Erfahrung so zu akzeptieren, wie sie nun mal ist, können wir den Blick nach vorne richten und schauen, wie wir das Beste aus dieser Situation machen können.

5. Die eigenen Erwartungen überprüfen

Wir alle haben Erwartungen. An uns selbst, an andere und an Ereignisse. Besonders hoch sind die Erwartungen an Ereignisse, auf die wir lange hinfiebern, wie zum Beispiel der Sommerurlaub mit unseren Liebsten. Wir tun gut daran, unsere Erwartungen zu kennen und an der Realität auszurichten. Aus dem Buddhismus kennen wir die Formel:

Glück = Wirklichkeit minus Erwartungen

Die Wirklichkeit ist in dieser Gleichung eine Konstante. An ihr können wir nichts verändern. Aber unsere Erwartungen können wir überprüfen und an die Realität angleichen. Um bei meinem Urlaubsbeispiel zu bleiben: Wenn ich eine Reise auf einem Schiff mit Tausenden anderer Menschen machen will, sollte ich besser nicht erwarten, den Pool alleine für mich und meine Familie zu haben. Ich darf natürlich diese Erwartung haben, aber es ist in diesem Fall garantiert, dass ich enttäuscht werde. Die Folge ist ein Gefühl der Unzufriedenheit.

Eine kleine Eidechse auf der Hand meiner Tochter. Trotz der Erwartung, echte Drachen auf Sa Dragonera zu entdecken, hatten meine Kinder viel Freude an den kleinen Echsen.
Eine kleine Eidechse auf der Hand meiner Tochter. Trotz der Erwartung, echte Drachen auf Sa Dragonera zu entdecken, hatten meine Kinder viel Freude mit den kleinen zutraulichen Tierchen.

6. Den Fokus ändern und Dankbarkeit kultivieren

Indem wir uns bewusst dazu entscheiden, unsere Aufmerksamkeit auf die schönen Seiten des Urlaubs zu lenken – sei es der atemberaubende Meeresblick oder das köstliche Essen – ändern wir unsere Perspektive und es gelingt uns, die kleinen und großen Freuden des Urlaubs zu genießen. Indem wir dankbar sind für die Möglichkeit, an solch einem wunderbaren Ort zu sein und unsere Zeit mit lieben Menschen zu verbringen, schaffen wir Raum für positive Gefühle. So können wir das Gefühl von Unzufriedenheit hinter uns lassen. Eine einfache Übung wie das Aufschreiben von drei Dingen, für die wir dankbar sind, kann uns helfen, täglich diese positive Denkweise zu pflegen. Auf diese Weise können wir unseren Urlaub zu einem unvergesslichen Erlebnis machen, ungeachtet kleiner Unannehmlichkeiten oder Rückschläge.

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen, dass Unzufriedenheit im Urlaub auf verschiedene Ursachen zurück geführt werden kann. Oft liegt sie darin begründet, dass wir uns von unseren eigenen hohen und mitunter unrealistischen Erwartungen überwältigen lassen. Der Wunsch, dem herausfordernden Alltag zu entfliehen, ist groß. Gleichzeitig sind wir uns unserer wahren Bedürfnisse oft gar nicht wirklich bewusst. Da ist die Versuchung groß, im Urlaub auf ein Rundum-Sorglos-Paket zu setzen. Doch es sind eben meist nicht der Luxus und ein übervolles Angebot, die zu einem Gefühl von innerer Erfüllung und Zufriedenheit führen. Indem wir unseren Blickwinkel ändern und uns bewusst werden, was wir wirklich wollen und brauchen, können wir mehr Zufriedenheit im Urlaub erfahren. Außerdem hilft es, dankbar zu sein für das, was wir haben und erleben dürfen und offen auf neue Erfahrungen zuzugehen. Letztendlich liegt es an uns selbst, uns auf die Freuden des Urlaubs zu fokussieren und so größere Zufriedenheit zu erleben.

Wie sind Ihre Erfahrungen im Urlaub? Waren Sie schon einmal so richtig enttäuscht und unzufrieden, weil sich Ihre Erwartungen an diese besondere Zeit nicht erfüllt haben? Oder waren Sie schon einmal genervt von dem Gemecker Ihrer Mitreisenden oder anderer Urlauber? Oder wurden Ihre Erwartungen gar übertroffen?

3 Antworten zu „Ein Schiff voller Unzufriedener“

  1. Avatar von Ulrike Storny

    Liebe Pia, ich glaube, der Artikel wäre mal eine gute Pflichtlektüre vor jedem Urlaub. Und nahezu 1:1 auf Weihnachten umzulegen, oder? 😉
    Super, danke fürs Anstupsen!
    Liebe Grüße Ulrike

    1. Avatar von Pia

      Liebe Ulrike,
      stimmt, das trifft auch auf Weihnachten zu. Und auf so viele andere Situationen in unserem Leben, die mit Erwartungen überfrachtet sind, ohne dass wir uns überhaupt bewusst dafür entschieden haben. Viele Erwartungen entspringen unseren konditionierten Gewohnheitsmustern oder Bildern, die wir unbewusst übernommen haben, z.B. aus Social Media.
      Ich hoffe, du hattest friedvolle Weihnachtstage mit Momenten der Ruhe und Ausrichtung für dich. Komm gesund und freudvoll ins neue Jahr.

      Sehr herzlich
      Pia

  2. Avatar von Pia

    Schreiben Sie mir über Ihre Erfahrungen! Ich bin gespannt, von Ihnen zu hören!

    Sehr herzlich
    Ihre Pia Hübinger

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